Mediaforschung

Lesen Sie das Kleingedruckte, Herr Salvenmoser?

Nachfragekolumne

Medien | Julia Prummer | aus FALTER 30/11 vom 27.07.2011

Der Slogan ist total verfehlt“, meint Raimund Fastenbauer von der Israelitischen Kultusgemeinde über ein neues Werbesujet. Es handelt sich dabei um Plakate mit hebräischen Schriftzügen, die von Gewista-Wänden in ganz Wien prangen. Wer nicht wie Herr Fastenbauer Hebräisch spricht, muss sich die Sache genauer ansehen, um die Werbebotschaft zu entschlüsseln. Im Kleingedruckten am Bildrand steht die deutsche Übersetzung: "Es gibt den Gott des Tanach. Und es gibt Jesus Christus. Letzterer ist für gesetzestreue Juden nur ein ganz gewöhnlicher Mensch. Aber was soll’s - Wahrheit ist Wahrheit, so oder so.“

Mit diesem Slogan will der Verein Aktion Mensch zu mehr Akzeptanz zwischen Juden- und Christentum aufrufen. "Es gibt so viele Wahrheitsansprüche, wie es Menschen und Religionen gibt. Mit dem Plakat wollen wir Leute aus unterschiedlichen Kulturkreisen dazu bringen, über ihren Tellerrand zu schauen“, meint Werber Walther Salvenmoser von der Agentur Lowe GGK. Er textet ehrenamtlich für humanitäre Projekte und ist Initiator des Vereins Aktion Mensch.

Bei der Kultusgemeinde ist seine gut gemeinte Botschaft nicht angekommen. Dort wurde "Wahrheit ist Wahrheit, so oder so“, als katholischer Missionsversuch ausgelegt, der die jüdische Religion gegenüber dem Christentum abwertet. "Was bei dem Sujet herausgekommen ist, versteht die Mehrheitsgesellschaft nicht, besonders, wenn sie nur mit dem Auto vorbeifährt“, sagt Fastenbauer.

Der Slogan kann also als Aufruf zu mehr Toleranz, aber auch - vom Werber unbeabsichtigt - als christliche Provokation interpretiert werden. Durch die Aufregung in den Medien hat er es jedenfalls geschafft, die "Mehrheitsgesellschaft“ zum Nachdenken zu bringen.


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