Enthusiasmuskolumne

Das fünffache Pianisssssimo

Diesmal: die beste Unhörbarkeit der Welt der Woche

Feuilleton | Heinz Rögl | aus FALTER 30/11 vom 27.07.2011

Es gibt keine Wege, man muss gehen.“ Der Titel einer späten Partitur des revolutionären Komponisten und Philosophen Luigi Nono würde auch gut seinen "Prometeo“ (1985) charakterisieren: Es ist Hölderlins und Nietzsches ständig suchender Wanderer.

Das "Libretto“ von Massimo Cacciari, dem nachmaligen Bürgermeister von Venedig, ist eine Montage aus unterschiedlichen Texten in griechischer, italienischer und deutscher Sprache. Sie sollen keine Szenen, sondern "Inseln“ darstellen und werden von Nono in seinem "dramma in musica“ nur mehr als Katalysatoren für rein Musikalisches verwendet. Text verwandelt sich in Klang.

Für den Hörer bedeutet das, dass er seine Hörwege durch diese Landschaft selbst suchen muss. "Prometeo“ erzählt keine Geschichte mehr, die herkömmliche Hierarchie der musikalischen Gestaltungsmittel wird umgekehrt - die Transformation des gespielten und gesungenen Raums, die Nuance, der "kleinste Übergang“ bekommen zentrale Bedeutung.

Fünffache Pianissimi sind schwierig zu hören, aber sie erweitern unsere Wahrnehmung, wir können viel mehr und anders hören.

Luigi Nono konzipierte von Anfang an gemeinsam mit seinen Klangregisseuren und Ausstattern den jeweiligen Spielraum mit - das war die von Renzo Piano gestaltete Kirche San Lorenzo in Venedig, dann ein Fabriksgelände in Mailand, in Berlin Hans Scharouns Philharmonie.

1993 programmierte Markus Hinterhäuser gemeinsam mit Tomas Zierhofer-Kin im Rahmen des Zeitfluss-Festivals erstmals den "Prometeo“ in der Salzburger Kollegienkirche, nun kommt es dort wieder zur Aufführung. Die Altistin Susanne Otto, die schon mit Luigi Nono zusammengearbeitet hat, das Ensemble Modern und Ingo Metzmacher sind erneut mit dabei.

Die Generalprobe am 29. Juli wird für das Publikum geöffnet; die beiden Vorstellungen am Samstag und Sonntag sind längst ausverkauft. Ascoltate!


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