Ohren auf

Jazziger Kammerpop und Vocalese-Künste

Sammelkritik

Feuilleton | Andreas Felber | aus FALTER 30/11 vom 27.07.2011

Die neue deutsche Jazzwelle, die in den letzten Jahren eine erkleckliche Anzahl junger Talente an die Oberfläche gespült hat, lässt auch das Metier der Sängerinnen nicht unberührt. Wobei der Jazz-Background mitunter gleichsam unter der Oberfläche in klanglich differenzierten, handgemachten Kammerpop-Arrangements spürbar wird.

Lisa Bassenge, die durch ihre Mitwirkung in Bands wie Micatone bekannt wurde, betört auf "Nur fort“ (Minor Music) mit einer wie aus den 1930er-Jahren herüberschallenden Kindfrauenstimme, die sich durch apartes Timbre und gekonnt verschlepptes Timing auszeichnet. Lieder von Sven Regener, Udo Lindenberg oder Kollege Robert Schumann werden ebenso sanft wie nachdrücklich ins Licht lebensbejahender Melancholie getaucht; der einzige englische Songtext ("Girl in the Mirror“) gerät da beinahe zum Störfaktor. Die ebenfalls in Berlin beheimatete Kollegin Lea W. Frey verfolgt auf "We Can’t Rewind“ (Traumton) einen ähnlichen Ansatz, auch wenn sie ausschließlich auf Englisch singt: Begleitet nur von Kontrabass sowie einer verblüffend wandlungsfähigen E-Gitarre (Peter Meyer), beleuchtet sie mit glöckchenzarter bis sprechsingend gehauchter Stimme Songs von Rockbands wie Smashing Pumpkins oder Joy Division auf berückende Weise neu. Jazzstandards werden skelettiert und dekonstruiert, "Autums Leaves“ - das Meisterstück des Albums! - findet sich in Richtung einer ambientösen Soundcollage entrückt.

Für die in Stuttgart lebende Anne Czichowsky hingegen ist Jazz noch immer auch eine musikalische Sprache. Die 30-Jährige belebt im Rahmen von "Play on Words“ (Neuklang) die Praxis des Vocalese, der Betextung von Instrumentalsoli und -themen neu: Rasant swingenden Vokalkaskaden (in Annie Ross’ "Jackie“) folgen hier in kantable Songs verwandelte Tunes George Bensons und Herbie Hancocks. Prunkstück des Albums ist die virtuose Textfassung von Kenny Garretts "Sing a Song of Song“. Den Namen Anne Czichowsky wird man sich merken müssen!


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