Phettbergs Predigtdienst

Österreich und ich sind Zwängler!

Kolumnen | aus FALTER 30/11 vom 27.07.2011

Soeben war ein großes Gespräch in Ö1: FRIEDERIKE MAYRÖCKER mit OTTO BRUSATTI. Jedes Wort von Friederike Mayröcker zum Thema Musik war göttlich. Auch die Plattenmischung, die sie mitbrachte: ein Wahnsinn an Göttlichkeit. Vor allem muss notiert werden, dass Frau Mayröcker es spannend fände, eine neue österreichische Bundeshymne zu texten. Paula Preradovic 1947 - Friederike Mayröcker 2011! 1947 wurde die Bundeshymne gar nicht wortwörtlich in der Wiener Zeitung publiziert, nun können durchaus die "Töchter“ zu den "Söhnen“ dazugeschummelt werden. Durch unseren nunigen Gesetzeswahn wird alles erst dann Gesetz, wenn es in der Wiener Zeitung steht.

Voller Lust saug ich mir nun schon zum zweiten Mal in diesem Sommer aristokratische Liveübertragungen in mein Hirn ein. Seit 11.45 Uhr lausche ich ORF 2, erst um 19.30 Uhr wird die Anklopfzeremonie übertragen, ununterbrochen krieg ich da was zum Denken. Der Fernsehdirektor Lorenz tut einen sehr guten Job.

Formell wird das so begründet: Otto Habsburg war der letzte Offizier des 1. Weltkrieges, aber vor allem war Otto der Thronfolger von K&K, der hiermit begraben wird. Das K&K Österreich-Ungarn war penibel bestrebt, dass alle Schulden termingerecht abgezahlt wurden, und "wir“ sind genauso penibel und bestatten nun die allerletzte formale K&K-Spur. Es findet sich immer zu allem eine Begründung, und erst wenn "wir“ be-grün-det sind, funktionieren "wir“!

Joseph Roth, vermute "ich“, ersann das Anklopfritual in der Kapuzinergruft? Auf jeden Fall tut es uns allen gut, dass am Heldenplatz, wo Hitler sprach, mit dem zu reden Otto Habsburg-Lothringen ablehnte, an seinem Bestattungstag einundzwanzig Kanonenschüsse vom österreichischen Militär abgeschossen wurden! BRAVO!! In Summe befind ich alles als sehr gelungen! Es passt zu Wien und zum Barock, wir lieben es, Zeremonien zu begehen. Alfred Adler hat uns ja eh schon längst als minderwertigkeitskomplexe Zwangsneurotikys entlarvt! Am 1. April 1989 beim Begräbnis von Kaiserin Zita hab ich Flugblätter zur Verspottung verteilt, frei nach Konrad Adenauer: Was schert mich, was ich gestern dachte! Für "mich“ steht fest, Österreich und ich sind Zwängler.

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