Selbstversuch

Lass uns keine Freunde bleiben

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 31/11 vom 03.08.2011

Doris Knecht sucht nach der Grenze zwischen virtuell und real

Zwanzig Jahre lang war ich mit L. befreundet, und vor drei Wochen hat sie mich wegen anhaltenden deppert Daherredens auf Facebook entfreundet. Nicht dass jemand, der 20 Jahre mit mir befreundet ist, nicht eigentlich wissen sollte, dass ich ein Schandmaul bin, und sich mit meiner Deppertheit irgendwie arrangiert haben sollte, aber. L. lebt seit ein paar Jahren in London und hat sich dort einen Lord gefunden. Als ich sie zum letzten Mal traf, sagte sie, mit dem Lord sei alles wunderbar, aber sonst sei sie fix und fertig und mit den Nerven am Ende, wir hätten keine Ahnung, wie anstrengend ihr Leben sei, sie suche gerade nach einer 6-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt. Ah, toll, aber warum sei sie fertig? Sie suche gerade nach einer 6-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt. Ach so.

Jetzt haben sie die Wohnung gefunden, ein Loft mit Blick auf die Themse, sie haben keine Kinder und keine Geldsorgen und viel Zeit. Aber eine Menge Ärger mit Personal u.a., und das ist es, worüber L. ihre Freunde auf Facebook nun täglich informiert. So in der Art, dass die Handwerker ein Loch in die Foyerwand gebohrt haben und es erst am Nachmittag wieder zuspachteln, und sie nun nicht weiß, wie sie volle 1,5 Stunden diesen grauenhaften Anblick ertragen soll. Dass der Pöbel vor dem Haus ihr mit seinem Herumgelache die Vormittagsruhe raube. Dass die Langusten im Tiefkühler nicht abnippeln wollen, obwohl der Hummerhändler es ausdrücklich versprochen hat. Dass sie nicht mehr ein noch aus weiß, weil die Putzfrau schon wieder ihre Schuhe falsch geordnet hat: Es gehört Weiß, Creme, Nude, Pink, Rot, nicht Weiß, Creme, Pink, Nude, Rot, ist das wirklich derart schwer zu begreifen???

Kann sein, dass mir die eine oder andere sarkastische Bemerkung entfuhr, und gut, einmal schrieb ich, dass ich physisch am Ende sei, weil ich wegen L.s Sorgen nicht mehr schlafen könne. Das fand L. nicht witzig, und dann waren wir plötzlich keine FB-Freunde mehr. Na geh.

Ich bin mir nicht sicher, ob man, wenn man bei Facebook als Freund entfernt wird, im richtigen Leben weiter befreundet ist. Ist man? Gibt’s dafür ein Regelwerk? Ich beschloss erst einmal, die virtuelle Entfreundung im Realen zu ignorieren und schickte L. zum Geburtstag das übliche freundliche SMS. Sie schickte mir ein freundliches zurück. Ich dachte, aha, das eine hat mit dem anderen also nichts zu tun. Und fand dann: Hat es aber doch. Ist es Freundespflicht, stets zu akklamieren oder minimum lieb die Pappn zu halten? Oder eher das Gegenteil? Eine andere Freundin sagte einmal, dass ihre Freunde ihr nicht zwingend auch sympathisch seien. Ja, das Problem kenne ich. Ständig ist in meinem Freundeskreis jemand nicht meiner Meinung, lacht mich aus oder widerspricht mit gar. Sehr lästig das.

Auf Facebook erledigt man so ein Problem mit einem Tastendruck, und manchmal wirkt er bis ins richtige Leben hinein.


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