Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 32/11 vom 10.08.2011

Der Fall Blim

Bildungskrise? Hatten wir schon vor 20 Jahren. Nachzulesen in einer saftigen Polemik von Franz Zeder gegen den "Sprachpolizisten“ Karl Hirschbold, der seinerzeit (er starb 1994) in der Presse und im Radio sein Unwesen trieb. "Als sich letztens die Verfasser einer pädagogischen Untersuchung wochenlang darüber entrüsteten, dass Berufsschüler im Lesen und Schreiben nicht ganz auf der Höhe seien, herrschte Betroffenheit und Beeilung wie schon lange nicht. Das Unterrichtsministerium drohte mit ‚Erlässen‘, das Profil startete eine Serie über ‚Schulleere‘ und die Presse malte die ‚Bildungskatastrophe‘ an die Wand.

Nun hat selbstverständlich die Presse zu einer solchen Empörung das erste Recht. 1977 wurde nämlich dort mit der Rubrik ‚Hirschbolds Pirschgänge‘ ein Bollwerk gegen den Ungeist der Sprachverschlampung errichtet. Die umlaufende Angst vor einem neuen Analphabetismus könnte es dahinbringen, dass solche Autodafés zugunsten der Sprachrichtigkeit, wie sie dort abgehalten werden, in den Rang einer staatstragenden Institution erhoben werden. (…)

Hirschbold ist ein derart gewissenhafter Gewissenswurm, dass er die Aufrechterhaltung des schlechten Sprachgewissens um jeden Preis betreibt, und sei es um den, dass er einen ‚groben Fehler‘ sieht, wo weit und breit keiner vorhanden ist. Folgender Satz wird als verdammenswertes Corrigendum moniert: ‚Blim, der als besonders aggressiv gilt und auch schon behandelt worden ist, gingen Freitag früh seine wichtigen Tabletten aus.‘ Na?

Hirschbold, insgeheim ohnehin von der Ahnungslosigkeit seiner Leser durchdrungen, lässt nicht locker. ‚Wenn Sie daran nichts gestört hat, lesen Sie den Satz noch einmal durch. Er enthält nämlich einen groben Fehler.‘ Noch immer auf der Seife, lieber Leser? Dann isses wohl nix mit dem ‚Sprachgefühl‘. Dabei lautet des Rätsels Lösung so schlicht wie falsch: ‚Der Name Blim steht am Anfang sehr deutlich im ersten Fall.‘ Hirschbold glauben wir auch nicht mehr alles.“ AT


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