Kommentar

Tanz, Baby! Wurde bei Impulstanz ein Kind missbraucht?

Theaterskandal

Falter & Meinung | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 32/11 vom 10.08.2011

Dem flämischen Choreografen Wim Vandekeybus ist etwas Seltenes gelungen: Er hat es mit einem Tanzstück in die Schlagzeilen des Boulevard gebracht. Die FPÖ wettert gegen "Kindesmissbrauch“, die Polizei ermittelt wegen "Quälens einer unmündigen Person“, und die MA 36 (Theaterpolizei) hat gegen das Festival ein Verwaltungsstrafverfahren eingeleitet. Was, um Himmels willen, war geschehen? Nichts sonderlich Spektakuläres: Am Ende der Produktion "Oedipus / Bêt noir“ liegt etwa 30 Sekunden lang ein sechs Monate altes Baby auf der Bühne.

Für ein Stück über den armen König Ödipus, dessen verfluchtes Leben damit beginnt, dass er als Säugling im Wald ausgesetzt wird, ist das ein ebenso stimmiges wie starkes Bild. Dennoch ist die Frage "Darf man das?“ nicht unberechtigt. Das Kind hat geweint und damit wohl zum Ausdruck gebracht, dass es um 23 Uhr lieber in seiner Wiege als auf einer Bühne liegen würde. Der Fall erinnert an ein ebenfalls umstrittenes Werk der amerikanischen Künstlerin Jill Greenberg, die für eine Fotoserie kleine Kinder zum Weinen brachte, indem sie ihnen Süßigkeiten gab - und dann gleich wieder wegnahm.

So fragwürdig das ist: Weder die schluchzenden Fotomodelle noch der kleine Ödipus-Darsteller werden dadurch ernsthaft Schaden erleiden. Kinder müssen mit ganz anderen Problemen fertig werden, zum Beispiel damit, dass sie nicht immer ein Eis kriegen, wenn sie eines wollen. Mehr als die für Kunst instrumentalisierten Kinder leiden die erwachsenen Rezipienten: Sie sehen etwas Schönes, haben aber ein schlechtes Gewissen dabei. Wenn an diesem Tanzabend also jemand missbraucht wurde, dann waren es die Zuschauer.


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