Wieder gelesen

Bücher, entstaubt

Politik | Wolfgang Zwander | aus FALTER 32/11 vom 10.08.2011

Diktator versus Prophet

Nach einer Notoperation begann vor fünf Jahren sein Rückzug aus der Politik, diesen Samstag wird er seinen 85. Geburtstag feiern: Fidel Castro. Für die einen ist er ein Tyrann, dessen Regime das kubanische Volk unterdrückt, für die anderen ist er ein Prophet, den die Zukunft freisprechen wird.

Ignacio Ramonet, Ex-Chefredakteur der renommierten Monatszeitung Le Monde diplomatique, gehört zur zweiten Gruppe. Der Journalist hat Castro mehr als 100 Stunden lang gesprochen, und der Tenor des Interviewbandes "Mein Leben“ ist eindeutig: Wir haben es hier mit einem ganz Großen zu tun. Wer Castros Lebensgeschichte auf knapp 800 Seiten in Dialogform liest, kann in der Tat nicht ganz unbeeindruckt bleiben: Abgestoßen von der Ungerechtigkeit auf der karibischen Insel, führt der Sohn eines Großgrundbesitzers einen Haufen von Hasardeuren via Guerillakampf an die Spitze des kubanischen Staates - den die Revolutionäre nun seit 52 Jahren regieren. Der "Comandante en Jefe“ verteidigt im Buch seine Diktatur, lässt das gute Bildungs- und Gesundheitssystem auf Kuba für sich sprechen und äußert sich voller Verachtung über die "barbarische Ungleichheit“ im Westen. Seine Kritiker führen an, kein sozialer Vorteil könne den Mangel an Freiheit der kubanischen Bürger wettmachen. Welche Meinung wird am Ende triumphieren? Die Geschichte, man muss es so schreiben, hat ihr Urteil über Castro noch nicht endgültig gefällt.

Ignacio Ramonet: Mein Leben. 2008, Rotbuch-Verlag, 779 S., € 15,40


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