Du erkennst den Geruch, und er erkennt dich

Selbstversuch

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 32/11 vom 10.08.2011

Jetzt genügen schon zwei Tage bei den Eltern im Aufwachshaus, in einem Kinderzimmer, das schon seit Jahrzehnten keinen Hinweis mehr auf dich enthält, um dich zu verwandeln: in eine schlechte, missratene Tochter und eine miese Mutter, die niemals Kinder hätte haben sollen, weil sie davon eindeutig überfordert ist.

Nicht, dass die Eltern das sagen. Nicht, dass sie dir das Gefühl geben, nicht, dass sie es auch nur denken: Aber es lauert hier irgendwo. Es steckt in diesem Ort und in dir. Es war immer schon da, du hast nur so getan, als wäre es anders, als wärst du wer anders, hast dich gegen die Fakten gestemmt und Tatsachen und Beweise für ihr Gegenteil geschaffen oder das zumindest geglaubt, hast dich in einer anderen Stadt, einer neuen Umgebung, in sorgfältig aus Fremden entfernter Herkunftsorte zusammengestellten Wahlfamilien neu erfunden, neu definiert und als eine ausgegeben, die du, wie du jetzt wieder weißt, nicht bist. Denn die Matrix des Herkunftsortes und des Elternhauses ist unbestechlich. Sie vergisst nicht.

Du kommst an den Ort, du betrittst die Räume, du erkennst den Geruch, und der Geruch erkennt dich und nimmt dich an, und du bist wieder, wer du warst. Wer du bist, offenbar, hinter deinem eigenen Rücken. Du bist wieder zwölf, fünfzehn, siebzehn, neunzehn, ein Idyllensmasher, jemand, der es besser könnte, wenn er sich nur ein bisschen anstrengen würde, jemand, der nicht dazupasst, jemand, der alles kaputtmacht (und es bricht, kaum setzt du dich darauf, auch prompt der Sessel unter dir zusammen, der den Vater seit Jahrzehnten ohne ein Ächzen getragen hat), eine, die schon sehen wird, was mit ihr passiert und wo sie landen wird, wenn sie so weitermacht.

Jajajaja, das ist alles maßlos übertrieben. Das ist überhaupt nicht so. Deine Familie wüsste jetzt gar nicht, wovon du überhaupt sprichst. Alle sind nett zu dir und freuen sich, dass du wieder einmal da bist. Du bekommst zu viel zu essen und darfst von morgens bis abends Prosecco trinken, bis es dir Löcher in die Magenwände ätzt. Aber es ist da. Es materialisiert sich, kaum, dass du die Tür hinter dir geschlossen hast: Da bist du ja wieder; hab dich. Die Möbel verschwören sich und du siehst in den Spiegeln, in denen du dich schon mit acht und dreizehn und siebzehn gesehen hast, anders aus als in Spiegeln, die dich nicht schon als Kind kannten, und die hier sagen: Na, hallo, eigentlich hast du dich gar nicht verändert.

Und die Wände: Aha, du also wieder, was machst du immer noch hier, geh in dein eigenes Zuhause, du störst die Harmonie, du hast hier nichts mehr verloren. Du gehörst hier nicht mehr her. Morgen um 8.11 Uhr geht ein Zug, nimm den doch, steig ein und fahr heim. Und das tust du, fährst heim, gehst durch deine Tür, da bist du wieder und bist wieder, wer du geworden bist, und daheim und passt schon, alles o.k., passt.


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