Fragen Sie Frau Andrea

Manager, Boni und ihre Häuser

Kolumnen | aus FALTER 32/11 vom 10.08.2011

Liebe Frau Andrea,

vor einiger Zeit habe ich im Falter zum neuen Bau von Jean Nouvel den Begriff "Boni-Architektur“ gelesen und mich gefreut: Endlich gibt es ein Wort für das, was ich bisher als "vernautscht“ bezeichnet habe (von Nagy, ungarisch ausgesprochen), nach einem gleichnamigen Hochglanzküchenverkäufer einer oberösterreichischen Möbelfirma. Wie weit ist das Phänomen "Boni“ bzw. "Nautsch“ schon beschrieben? Oder ist es gar nicht so neu?

Liebe Grüße

Kilian Jung, per Bernsteinfunkennachricht

Lieber Kilian,

die Aufnahme neugeprägter Begriffe in den Diskurskanon der Architekturkritik wird durch Nachrichten wie die Ihre durchaus befördert. Indem Sie etwa "Nagy“ und seine deutsche Lautentsprechung Nautsch mit einem ganz bestimmten Stil verknüpfen und in die Diskussion einführen. Dabei ist es relativ egal, ob es einen oberösterreichischen Hochglanzküchenverticker dieses Namens überhaupt gegeben hat. Allein die Multiplikation durch Öffentlichkeit kann einen Neologismus nachhaltig affirmieren.

Nautsch ist meines Wissens allerdings noch nicht Gegenstand architekturessayistischer Diskussionen. Der Begriff, den der Autor der von Ihnen zitierten Nouvel-Kritik, der mährisch-österreichische Kulturpublizist Jan Tabor, gebraucht, lautet nicht "Boni-Architektur“ sondern "Boni-Stil“. Tabor hat den Begriff, wie er sagt, in Abgrenzung zum "Bonzen-Stil“ erfunden, um der von Banausentum und Unanständigkeit geprägten Gestik der Bonus-Prämien-Epoche einen Namen zu geben.

Die ironische Bezeichnungskultur architektonischer Stile hat eine lange Tradition. Zuckerbäckerstil, Gelsenkirchner Barock, Schweizerhaus-, Laubsäge- und Wörtherseestil, Biedermeier und Brutalismus sind nur einige, wahllos herausgegriffene Beispiele für den despektierlichen Einsatz zynischer Begrifflichkeiten. Gotik ist auch solch ein Schandwort. Opus francigenum wurde der in Frankreich entwickelte revolutionäre Spitzbogenstil um 1280 genannt. Der italienische Kunsttheoretiker Giorgio Vasari, trunken von den Ideen der Renaissance, beschimpfte das Opus francigenum knapp 300 Jahre später als maniera tedesca, deutsche Manier, und als gotico, gotisch, so viel wie ausländisch, barbarisch, wirr.


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