Menschen

Chilly & Chili

Falters Zoo | Christopher Wurmdobler | aus FALTER 32/11 vom 10.08.2011

Stehende Ovationen, ein glückliches Orchester und zufriedene Zuschauer. Nein, die Rede ist hier nicht vom Megakonzert, das Opernstar Anna Netrebko, ihr blondierter Ehemann Erwin Schrott und Hausfreund Jonas Kaufmann in der Wiener Stadthalle abgesondert haben. Wir waren beim "Konzert des Jahres“ (siehe auch die enthusiastische Reportage auf Seite 23). Wir waren im funky Funkhaus, wo der kanadische Entertainer Chilly Gonzales mit dem ORF-Radio-Symphonieorchester unter Cornelius Meister eine FM4-Radiosession ablieferte, die sich gewaschen hatte. Der Weltrekordhalter im Dauerklavierspiel (27 Stunden!) haute in die Tasten des Bösendorfers, bis das Blut spritzte, machte es sich unter dem Klavierdeckel gemütlich und surfte auf der Menge durch den Großen Sendesaal: "Who touched my ass?“ fragte der freche Herr Gonzales, der nicht müde wurde, "Master Cornelius“ zu necken, später. Gab’s das überhaupt schon einmal? Und tritt der Orchesterleiter immer schuhlos mit Frack und Socken auf? Schwitzt Gonzales immer so? Fragen über Fragen. FM4 jedenfalls überträgt diesen Donnerstag die Aufzeichnung dieses denkwürdigen Konzertabends in der Sendung "Homebase“. Pflicht.

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Wahrscheinlich wären Typen wie Erwin Schrott oder Chilly Gonzales bei Castingshows nicht über die erste Runde gekommen. Während Castingshow-"Stars“ wie Lukas Plöchl ("Helden von Morgen“) schon in der Werbung gelandet sind und die Bevölkerung musikalisch zum Mülltrennen auffordern dürfen, sucht der ORF neue Helden. Nur dass der neue staatliche Talentwettbewerb "Die Große Chance“ heißt. Genau, so wie in den 70er-Jahren, als in Österreich das Castingdings erfunden wurde. In der Jury sitzen auch diesmal wieder begnadete Auskenner. Zum Beispiel Georg Spatt, Ö3-Chef. Moderieren wird die Show aber eh wieder Doris Golpashin. Genau, das ist jene Dame, die sogar mit Haarverlängerungen für Schlagzeilen sorgt - ganz im Gegensatz zu ihrem glücklicherweise schlagzeilenlosen Co-Moderator Andi Knoll. Als "Coach“ - für was auch immer - in der Show fungiert übrigens Krone-Briefschreiber Michael Jeannée. Klingt immens nach guten Schlagzeilen am Boulevard.

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Was wurde eigentlich aus Dominic Heinzl? Okay, das war gemein. Der Klatschreporter der Nation hat schließlich immer noch seinen Sendeplatz. Außerdem. Sammelt Herr "Chili“ ja gerade für den guten Zweck. Alten Kram von mehr oder weniger prominenten Persönlichkeiten, der dann am 3. September, dem "Tag der Wiener Sozialmärkte“, versteigert werden soll. "Bekannte Menschen gegen bekannte Probleme“ nennt sich Herrn Heinzls Initiative, und wir wollten eh schon nachfragen, was daraus wurde. Leute wie Uschi "Österreich“ Fellner und ihre Tochter misten, das haben wir in "Chili“ gesehen, ihre Kleiderschränke aus und geben das, was ihnen nicht mehr gefällt, nicht in den Altkleidercontainer, sondern in die Charity-Tonne. Wie uneigennützig! In der Mottenkiste des guten Willens sind schon Geschmacklosigkeiten wie der Versace-Anzug von Society-Backmeister Kurt Mann oder die Moschino-Jacke irgendeines "Dancing Stars“. Immerhin: Man kann auch einen Weltmeisterpokal von Niki Lauda ersteigern. Falls man das will.

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Zum Schluss ein netter Abend bei Schuhsammlern: In der Sneaker-Verschleißstelle PAAR von Jakub Arnold und Michael Paul wurden ein neuer Kangaroo-Schuh und ein Magazin für Turnschuhfans vorgestellt: Sneaker Freaker. Logisch. War aber nur der Auftakt für die Turnschuhfan-Convention "Sneakerness“. In vier Wochen in der Ottakringer Brauerei.

Achtung!

Schach/Rätsel finden Sie ab sofort in der Falter:Woche auf Seite 46

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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