Fragen Sie Frau Andrea

Modekrankheit Rosinenphobie

Kolumnen | aus FALTER 33/11 vom 17.08.2011

Liebe Frau Andrea,

völlig fassungslos starrte ich zu Saisonbeginn die Verkäuferin meines Lieblingseissalons an, als sie mir bedauernd erklärte, dass es ab sofort keine Rosinen mehr im Topfeneis gäbe. Angeblich komme das bei den KundInnen besser an. Während die Verkäuferin kurz verschwand, um mir extra Rosinen aus der Eisküche zu holen, stieg in mir Wut auf. Zuerst die Rosinensäuberung in Topfenstrudeln, Müslis und Gugelhupfen und jetzt auch noch das! Warum? Wann hat die Redewendung "sich die Rosinen rauspicken“ eine derart frappierende Umkehrung ins Negative erfahren?

Liebe Grüße,

eine ratlose Marie Schreder, per Elektropost

Liebe Marie,

Eissorten und ihre Ingredienzien haben Konjunkturen, ganz wie Farben, Düfte und Stoffe. Mal boomt das Beige, mal ruft das Rot. Mal trägt der Herr von Welt Hut, mal die Fleischmütze, mal jeanst es, mal schnürlt der Samt, mal boomt Patchouli, mal 4711. Das Verschwinden von Rosinen aus Brötchen, Mehlspeisen und Gefrorenem ist gewiss ein Schmerz für die Afficionados der getrockneten Weinbeeren. Aber der Korinthen, Sultaninen und Zibeben Abgang aus der Nachspeisindustrie ist nicht der einzige beklagenswerte Verlust. Die Freunde verstopfter Zahnkronen beschweren sich schon seit Jahren über den Niedergang der traditionellen Ganznussschokoladenkultur. Auch der Powidl zartes Mus wurde zum seltenen Gast in heimischen Palatschinken. Köch’ und Karfiol haben sich der Wassertomate ergeben, der Kümmel dem Sternanis, der Petersil dem Koriander, die Zitrone der Limone. Der Siegeszug des Rübenzuckers hat die Geschmacksknospen des Publikums erfolgreich gegen traditionelle Süßstoffe aufgebracht. Honig und Rosinen gelten als übersüß, ihr Geschmack als antiquiert. Industrielle Süßstoffe, grassierender Redbullismus und die zuckerverachtende Zero-Kultur haben einen Paradigmenwechsel eingeläutet. Liebe Marie, Sie beklagen den Verlust der Rosinen im Topfeneis, gewöhnen Sie sich daran! So ging es unseren Großmüttern, als die Eiskugelklicker die Sorten Cassata und Málaga aus den Kühlvitrinen verbannten. Als kandierte Plombenzieher und picksüßer Málagawein nur mehr unter der Pudel verkauft wurden. An ratlose Nostaligkerinnen wie Sie.


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