Fotografie Kritik

Früher Wiener Blick durch die Linse

Woche | aus FALTER 33/11 vom 17.08.2011

Der Kaiser betritt das Museum ganz alleine. Keine Leibgarde oder sonstige Begleitung ist auf dem Foto zu sehen, das Franz Joseph I. 1904 beim Betreten des Museums für angewandte Kunst zeigt. Auf dem Bild erscheint er wie ein gewöhnlicher Bürger, der in der "Ausstellung der Photographischen Gesellschaft in Wien“ seinem Interesse für einen umtriebigen Verein nachgeht. Mit der tollen Ausstellung "Die Explosion der Bildwelt. Die Photographische Gesellschaft in Wien 1861-1945“ verabschiedet sich Kuratorin Monika Faber von der Albertina. Anhand eigener Exponate und Leihgaben erhält der Betrachter einen einmaligen Überblick über die vielfältigen Aktivitäten der Wiener Fotopioniere.

Professionelle Fotografen, begeisterte Laien und Wissenschaftler fanden 20 Jahre nach der Erfindung des Mediums 1861 formell zusammen, um dessen technische, kommerzielle sowie künstlerische Entwicklung voranzutreiben - auf Victor Angerers Aufnahme posieren die ernsten, bärtigen Komiteemitglieder. Von der wissenschaftlichen Nutzung der Fotografie, etwa bei der Erforschung der Anatomie des Auges, bis hin zu Gletscherforschung, Kriminalistik, Ethnografie und Archäologie spannt die Schau einen weiten Bogen. Zu den vielen Wiener Ansichten zählen etwa die Grundsteinlegung der Staatsoper 1861 oder stereoskopische Guckkastenbilder, die das ausgebrannte Ringtheater dreidimensional zeigen. Auf Miniaturblättern konnten Aktfotos zum Bestellen ausgesucht werden. Eine "Carte de Visite“ mit dem eigenen Konterfei gehörte bald zum guten Ton, und in Steckalben wurden Porträts von Schauspielerinnen gesammelt. Die Schau macht auch die vielen Experimente mit Drucktechniken deutlich, die bis zu Farbbildern führten. NS

Albertina, bis 2.10.


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