Wieder gelesen 

Bücher, entstaubt

Politik | aus FALTER 34/11 vom 24.08.2011

Tom Joad lebt

Als der Traktor kommt, ist das Schicksal der Joads besiegelt. Die Bank hatte ihn geschickt, um zunächst das Haus abzureißen und danach das Land zu bewirtschaften. Denn ein Traktor beschert der Bank mehr Gewinn als zehn Familien es könnten. Also beschließen Tom Joad und seine Familie, ihre Erinnerungen zusammenzupacken, um nach Kalifornien zu reisen, wo es Arbeit gibt. Hier, im Oklahoma der Zwischenkriegszeit, nimmt die Elendsodyssee hunderttausender Kleinbauern ihren Anfang. Unzählige Amerikaner, die ihr Land an Banken verlieren. Eine zerstrittene Politik, die des Kollapses der Weltwirtschaft harrt. Kommt einem bekannt vor?

Die Geschichte der Joads scheint sich unter anderen, nicht weniger unheilvollen Vorzeichen zu wiederholen. Der Tom Joad von heute hat sein Haus wegen der Immobilienblase an eine Bank, seine Arbeit an die Rationalisierung verloren. Seine Geschichte ist aktuell wie seit 80 Jahren nicht mehr. Lange war John Steinbecks gesellschaftskritische Arbeiterprosa außer Mode, und so liest sich auch die Übersetzung: sie stammt aus 1940. "Grapes of Wrath“ gehörte zu jenen Büchern, die das NS-Regime wegen ihrer Amerika-Kritik übersetzen ließ. Es wäre also höchst an der Zeit, das Buch neu zu übersetzen - und neu zu lesen. s a

John Steinbeck: Früchte des Zorns. 1939, dtv Verlag, 531 S., € 12,80


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