Ohren auf  

Siebzig Jahre Wucht und Zärtlichkeit

Sammelkritik

Feuilleton | Miriam Damev | aus FALTER 34/11 vom 24.08.2011

Mitte der 1960er-Jahre zieht eine Pianistin aus Argentinien in Europa mit ihrem Spiel und ihrer Schönheit Publikum und Kritiker in ihren Bann. 1941 in Buenos Aires geboren, gibt Martha Argerich als Siebenjährige ihr Konzertdebüt. 1957 gewinnt sie den Busoni-Wettbewerb in Bozen und den Internationalen Musikwettbewerb in Genf. 1965 siegt sie beim Chopin-Wettbewerb in Warschau und ist mit einem Schlag weltberühmt.

Ihre Interpretationen setzen Maßstäbe. Statt kühler Noblesse stellt sie überschäumendes Temperament zur Schau. Aber ihr Spiel ist auch voll Geschmeidigkeit und Poesie, technisch überragend und von hingebungsvoller Musikalität. Dennoch zieht sich Argerich immer wieder vom Konzertbetrieb zurück. "Ich spiele gern Klavier, aber ich bin nicht gerne Pianistin“, wird sie zitiert. Im Juni ist Martha Argerich 70 geworden. Mit drei Boxen und insgesamt 18 CDs würdigt EMI das wundervolle Spiel der Pianistin. Die erste der Martha Argerich Edition - "Concertos“ - ist den Klavierkonzerten gewidmet. Legendäre Aufnahmen wie die beiden Chopin-Konzerte und das dritte Prokofjew-Konzert sind darauf ebenso vertreten wie Beethovens Tripelkonzert mit Renaud Capuçon und Mischa Maisky oder Mikhail Pletnevs sonst kaum gespielte "Fantasia Elvetica“ für zwei Klaviere und Kammerorchester.

Der zweite Teil, "Solo & Duo“, zeigt die Pianistin als geniale Solistin. Chopins komplexe h-Moll-Sonate etwa lotet sie in ihrer ganzen Wucht und Zartheit aus. Innig und versunken hingegen erklingen Schumanns "Kinderszenen“. In verschiedenen Besetzungen (u.a. mit Nelson Freire, Gabriela Montero und Lilya Zilberstein) spielt sich Argerich auf vier CDs von Mozart bis Messiaen und Piazzolla durch das Duo-Repertoire. "Chamber Music“ schließlich zeigt sie als Kammermusikpartnerin. Das dicke Paket enthält neben Duo-Einspielungen wie Beethovens "Kreutzer“- und Francks Cellosonate musikalische Höhepunkte vom Klaviertrio bis zum Ensemblestück, von Janáceks "Concertino“ bis zu Haydn, Chopin und Schostakowitsch.


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