Fragen Sie Frau Andrea

Kästen mit Schlitzen, Schlitze mit Zehnern

Kolumnen | aus FALTER 34/11 vom 24.08.2011

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

Ich habe in einem Café im ersten Bezirk auf dem Weg zur Toilette etwas Merkwürdiges am Gang entdeckt: einen Kasten, etwas größer als ein Postkasten und circa fünf Zentimeter tief, er sah ein wenig antik aus, das Material: Metall. Auf der Vorderseite war der Kasten in lauter kleine Quadrate unterteilt, die alle noch einen kleinen Schlitz hatten. Es sah tatsächlich aus wie ein Postkasten für winzige Formate. In einem der Schlitze steckte ein gefalteter 10-Euro-Schein. Können Sie mir sagen, was das war?

Mit freundlichen Grüßen,

Lili Stadlober, per Elektropost

Liebe Lili,

wenn die Statistiken stimmen, müssten Sie solch seltsame Kästen schon öfter in einschlägigen Cafés, bei Branntweinern und in Tschocherln, in Beisln und beim Wirten entdeckt haben. Zwischen 16.000 und 20.000 dieser Wandschränke soll es allein in Österreich geben. Der von Ihnen in einem der Dutzenden Schlitze entdeckte 10-Euro-Schein gibt einen Hinweis auf die Verwendung des metallenen Behälters. Möglicherweise ist Ihnen auch aufgefallen, dass jeder Schlitz mit einer fortlaufenden Nummer gekennzeichnet ist. Ihre Assoziation mit einem Postkasten für winzige Formate ist nicht ganz falsch. Allerdings werden hier nicht Briefe eingeworfen, sondern Geld - ist der Münzspind doch ein Sparvereinskasten, das wichtigste Utensil eines Sparvereins. Die Idee des geselligen Gemeinschaftssparens mit einem Wirtshaus als Vereinssitz ging in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Norddeutschland aus, wo es zunächst als "Weihnachtssparen“ betrieben wurde. In Hamburg gründeten Seeleute und Hafenarbeitern 1878 profanere Sparklubs, sie dienten der gegenseitigen Unterstützung in Notfällen. Nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich die Idee im Süden Deutschlands, in der Schweiz und schließlich auch in Österreich aus. Der von Banken und Sparkassen gern gesehene Spargedanke, gepaart mit Geselligkeit im Wirtshaus und einem gemeinsamen Ziel - meist einem Fest oder einer Ausflugsfahrt -, förderte die Gründung und das Florieren der Sparvereine. Die Entleerung der Sparkästen erfolgt nach dem Vieraugenprinzip mittels zweier Schlüssel. Nicht selten haben die Besitzer dieser Schlüssel Fest und Ausflugsfahrt schon mal zu zweit angetreten.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige