Menschen

Fuck, yes!

Falters Zoo | I. Brodnig, B.Wittstock | aus FALTER 34/11 vom 24.08.2011

Großartig, einfach großartig war das Frequency Festival in St. Pölten! Das hörte man nicht nur von vielen Besuchern, sondern auch von manch einer Band. Kyle Falconer, der Sänger der schottischen Punkband The View, war zum Beispiel von Österreich und seiner Partykultur sehr angetan. Er ließ sich die Texte der Elektropopper Deichkind (die Rampensäue schlechthin) übersetzen. "Arbeit nervt“, Work sucks, heißt zum Beispiel eine ihrer Hymnen. Das gefiel auch dem Schotten. Der ist selbst ein ordentliches Partyvieh. Er kam im Rollstuhl aufs Festival, weil er bei einer Feier auf ein Küchenmesser gestiegen war. Das Leben als Rockstar ist nun einmal gefährlich. Beim Frequency ist zum Glück nichts Gröberes passiert, nur der Auftritt der englischen Rockband Elbow musste zwischendurch unterbrochen werden. Kurz zog ein arges Unwetter auf, aber nachdem der Regen nachließ, spielten die Engländer noch einen Song. Die waschelnasse Masse jubelte. Am letzten Abend gab es noch die legendären Foo Fighters. Frontmann und Ex-Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl ist einfach der coolste Typ im Rockgeschäft. Neulich hat er einen Auftritt in London unterbrochen, nachdem eine Schlägerei im Publikum ausgebrochen war. Gewalt toleriert Herr Grohl bei seinen Konzerten nicht, da wird der Musiker ausfällig. "You don’t fucking fight at my show“, hat er damals geschrieen und die zwei Raufbolde mit etlichen Schimpfworten rausschmeißen lassen. Tja, was kann man dazu sagen, außer: We fucking love you, Dave!

Am vergangenen Wochenende war es also so weit: Die letzte Vorauswahl - auch Recall genannt - für das Selbsterniedrigungsspektakel "Popstars“ fand in der Vösendorfer Pyramide statt. Insgesamt an die 200 Teenager und Wannabes waren laut Veranstalter Puls4 angereist, um einen Platz bei der "Mission Österreich“ zu ergattern. Das deutsche Reality-Format, das 2000 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde und quasi die Mutter der Singwettbewerbe ist, stimmt sich gerade auf die zehnte Staffel ein und ist dazu diesmal in Österreich auf der Suche nach Material. Offenbar haben die deutschen Teenies bereits alle ihre 15 Minuten Ruhm gehabt. Oder aber, es lacht sich besser über die heimischen Jugendlichen und ihren Kampf um die Erfüllung ihres großen Traumes. Immerhin besagt ja eine Fernsehmacherweisheit, dass Nähe und Identifikationsmöglichkeit maßgebliche Faktoren für den Erfolg einer Sendung sind. Der Ruhm der Gewinner der vergangenen Jahre überdauerte kaum länger als eine hundertstel Sekunde. Von Erfolg ganz zu schweigen.

Jedenfalls lässt ProSieben das Format für unbestimmte Zeit pausieren. Weshalb nun die Y-Promis von ProSieben, Detlef D! Soost und Fernanda Brandao, für Puls4 Talente, gesichtet haben. Allerdings war von den beiden bis zum sonntäglichen Recall nichts zu sehen. Sie seien in der Stadt unterwegs, hieß es seitens einer Puls4-Sprecherin, und würden erst die Besten der Besten anhören. Durchaus verständlich, wenn man gehört hat, was sich da alles zum Popstar berufen fühlte: Scharenweise stark geschminkte Mädchen in viel zu engen kurzen Röcken waren gekommen und fächelten sich im Schatten Luft zu, da die Sonne ihr Make-up zum Schmelzen brachte. Die Jungs sahen aus, als wären sie allesamt Stammkunden bei ein und demselben Frisör: abenteuerliche Rasuren, die letztendlich offenbar mit Schablonen gefertigt werden. Alle, wie es sich für Stars gehört mit Entourage im Schlepptau: Dicke Muttis mit Donaustädter Zungenschlag, die gebetsmühlenartig wiederholten, wie "geil“ die Kids singen würden. Und natürlich Freundinnen und Freunde, die es schon draufhaben auf Knopfdruck zu weinen. The show must go on.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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