Tiere

Defective Story

Falters Zoo | aus FALTER 34/11 vom 24.08.2011

Es war gegen elf Uhr morgens, Mitte August, ein Tag ohne Sonne und mit klarer Sicht auf die Vorberge, was klatschkalten Regen und stachelharte Gänsehaut verhieß. Ich trug eine khakifarbene Jacke mit zahlreichen Taschen über einem moosgrünem Shirt. Ich war scharf rasiert, sauber und nüchtern, frei von Ausdünstungen des Vortages. Ich bot also haargenau das Bild eines gut gekleideten Eco-Investigators, wie die offizielle Bezeichnung lautete. Ich selbst bevorzuge aber unbedingt den Ausdruck Bluthund.

Und ich wurde von vier Millionen Fliegen erwartet. Ein Mann mit überaus vollem, schweißglänzendem Haupthaar kam mir aufgeregt über die Stiegen seiner Gründerzeitvilla entgegengelaufen. "Die Sache muss vertraulich bleiben“, raunte er mir - völlig aus dem Häuschen - ins Ohr und zog mich zu einer Mülltonne, aus der die bekannte Duftmischung aus Scatol und Buttersäure aufstieg. Mit angeekeltem Gesicht und spitzen Fingern hob er den Deckel, ein weiterer Schwall Verwesung stieg auf und ich konnte die Leiche sehen. Beziehungsweise, das, was die Myriaden weißer Larven von dem toten Huhn noch zurückgelassen hatten. "Vor zwei Tagen waren ‚die‘ noch nicht da“, keuchte mir der Mann ins Ohr.

Wenn es ein Wort gab, das die Situation am Tatort treffend beschrieb, dann war es "Konkurrenz“. "In der Ökologie nennen wir das "scramble - drängeln“, von denen werden nur wenige überleben und zum geschlechtsreifen Tier heranwachsen“, versuchte ich ihn zu beruhigen. "Aber was sind das für … Tiere?“ "Calliphoridae, Schmeißfliegen“, antworte ich. "Jetzt sind sie nur weiß, beinlos und blind, aber als Erwachsene macht ihr metallisch glänzender Körper schon was her. Die Maden entwickeln sich innerhalb von zehn Tagen und legen dabei jede Stunde um fünf Prozent ihres Endgewichts zu. Wenn - so wie hier - die Futterquelle zu Ende geht, dann fressen sie auch ihre Artgenossen auf.“ Ein Sonnenstreifen zog, kurz aufflackernd, über das Gesicht des Mannes. "Und was kann ich jetzt tun?“, fragte er unsicher. "Leeren Sie Ihre Mülltonne öfters aus“, sagte ich müde, zuckte, um die Bedeutung meiner Worte zu unterstreichen, sachte mit den Schultern, drehte mich um und ging wieder in die Stadt zurück.

Es war ein klarer Tag. Man konnte weit in die Ferne sehen, aber nicht so weit wie der Weg gewesen ist, den das Huhn zuvor gegangen war.

zeichnung: püribauer.com


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