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Politik | Stefan Hayden | aus FALTER 35/11 vom 31.08.2011

Emotion und Masse

Hinter scheinbar rationalen, politischen Interessenkonflikten würden sich oft undurchsichtige Emotionen wie Machtgier, Wut und Schuldgefühle verbergen, schreiben der Sozialpsychiater Luc Ciompi und die Soziologin Elke Endert in ihrem Werk "Gefühle machen Geschichte“. Die Wechselwirkungen zwischen Fühlen und Denken schildern die Autoren anhand großer Konfliktszenarien: der Aufstieg der Nationalsozialisten, die angespannten Beziehungen zwischen islamischer und westlicher Welt und das Israel-Palästina-Dilemma. Das Verhältnis zwischen Fühlen und Denken, so ihre zentrale These, gehorcht beim Individuum und in der Gruppe den gleichen Gesetzen der Emotionalität. Leider bleibt dieser Kern der spannenden Arbeit etwas verschüttet unter den zu zahlreich zusammengetragenen Erkenntnissen aus verschiedensten Wissensgebieten. Immerhin wird aber deutlich, dass kollektive Emotionen nicht nur unerwünschte Wirkungen mit sich bringen müssen. Als Beispiel nennen die Autoren die Wahl von Barack Obama, der in einer allgemeinen Stimmung der Hilf- und Machtlosigkeit auf positive Leitideen gesetzt habe. Dass sich die einst in ihn gesetzten "messianischen Hoffnungen“ vielfach in Ablehnung und sogar blanken Hass verwandelt haben, passt zur psychologischen Intention dieses Werkes.

Luc Ciompi, Elke Endert: Gefühle machen Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, 272 S., € 19,95


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