Was fährt denn da?

Blut, Schweiß und Tränen

Mobilitätskolumne

Stadtleben | Baustellenbericht: Wolfgang Zwander | aus FALTER 35/11 vom 31.08.2011

Vor einem "historischen Baustellensommer“ in Wien haben die Medien im Frühjahr dieses Jahres gewarnt. Der Boulevard hat so wilde Staudystopien auf die Seiten seiner kostenlosen Schmierblätter gemalt, dass die Grünen, die dort als natürlicher Feind der Automobilität gelten, vermutlich drei Prozentpunkte in den Umfragen verloren haben. Aus Angst vor den Wutbürgern hat Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) sogar angekündigt, die Pendler per Postwurfsendung über Ausweichrouten zu informieren. Beim Stau hört sich im Rathaus der Spaß auf.

334 Straßensanierungsprojekte waren für die heißen Monate geplant, darunter Erneuerungen der Gürtelabschnitte beim neuen Hauptbahnhof und der (ohnehin notorisch überlasteten) Hanssonkurve auf der Südosttangente. Nun neigt sich der Sommer dem Ende zu - was ist auf Wiens Straßen passiert? Auf der Südosttangente machten sich zwei Pkw-Lenker das Fahren gegenseitig so lange schwer, bis sie ihren Wägen entstiegen, um mit Schlagstock und Alulatte aufeinand einzuschlagen. Wahrscheinlich war aber nicht die Baustelle schuld.

Alles in allem muss man schreiben: Das Autofahren im Wiener Sommer kostete zwar streckenweise Blut, Schweiß und Tränen (aber wann tut es das nicht?), trotzdem hat sich keines der ausgemalten Horrorszenarios bewahrheitet.

In der größten Betonwunde, der Hanssonkurve, ging es mit einem gefühlten Schnitt von 80 Stundenkilometern durchaus gemütlich voran. Gerade konnten die Arbeiten dort eine Woche früher als geplant eingestellt werden. Ob es nun wieder viel schneller gehen wird? Genau darüber sollten die Automobilklubs und die Stadtplaner, die immer neue und breitere Straßen fordern, einmal nachdenken.

Der Baustellensommer 2011 stützt eher die These ihrer Gegner, dass nämlich mehr Spuren im Allgemeinen zu mehr Stau führen - und paradoxerweise nicht umgekehrt. Wie das genau funktioniert, sollen die Mathematiker erklären. Falls es im Winter überhaupt noch jemanden interessiert.


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