Selbstversuch

Das könnt ihr zu Hause auch umsonst haben

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 35/11 vom 31.08.2011

Feriencamp. Im Prospekt stand Abenteuerferien, Bewegung und Fitness, aufregende Wanderungen in der Natur, und BIO stand auch drauf, in Versalien. Ist dann alles ein wenig anders. Was habt ihr heute gemacht? Eigentlich nichts. Käpt’n Iglo kocht, die Kinder trinken Limonade und, während eines Ausflugs in der Nachmittagshitze eines der heißesten Tage des Jahres, auch einmal gar nichts. Du willst Wasser? Wasser gibt’s am Kiosk. Was, deine Mutter hat dir kein Geld mitgegeben? Tja.

Das ist der Abend, an dem die Mutter sagt: Fertig, ich bringe euch da nicht mehr hin. Der Lange kriegt solche Kabel und verlangt nach der Telefonnummer: Er ruft jetzt dort an, da wächst morgen kein Gras mehr. Die Mimis reißen dem Langen das Telefon aus der Hand, weil warum: Sie wollen trotzdem weiterhin jeden Tag ins Camp, auch wenn das und das nicht so ist wie erwartet, es gefällt ihnen, die anderen Kinder sind nett, die rauchenden Männer sind auch nett, es gibt einen Pool, und sonst gibt es eh immer genug zu trinken, der ganze Kühlschrank ist voller Eistee und Fanta-Dosen und überhaupt, sie können mit so was umgehen, wir sollen ihnen das jetzt gefälligst nicht verderben. Außerdem haben sie dort jetzt schon zwei Teile von "Fluch der Karibik“ gesehen und wollen auch noch die anderen Teile sehen und "Avatar“ und den Rest der Harry Potters.

Was, ihr verbringt eure Tage im Abenteuer-Bioferiencamp mit Fernsehen? Nur wenn uns fad ist. Und nur Filme! Die Filme sind ab zwölf. Wir fürchten uns nicht. Ach so. Sagtest du eben: rauchende Männer? Was machen die da? Die arbeiten dort im Camp, die sind sehr nett und lustig, nur gestern hat einer nach zwei Bier zu weinen angefangen, weil ihm alles zu viel wurde, aber wir haben ihn eh getröstet, dann ging’s wieder. Aha. Sehr lieb von euch. Ich ruf da jetzt an. Nein, ich fahr gleich hin. Nein!!! Bitte nicht! Uns gefällt es! Hm.

Das kommt heraus, wenn man Kinder in einer Realität aufwachsen lässt, in der auch einmal geraucht und Alkohol getrunken wird, in der ständig fahrendes Volk mit originellen Angewohnheiten am Tisch sitzt, in der Väter Langspielplatten mit ohrenbetäubendem Lärm füllen und behaupten, das sei Musik, in der man Müttern auf lustigen Youtube-Videos beim exaltiterten Jungsein zuschauen kann und Stiefväter ihre Ausstellung auch einmal in einem eleganten Anzug ohne Rückseite eröffnen. Wenn man Kindern derlei lange genug als normal verklickert, fallen sie dann halt auch nicht gleich in Ohnmacht, wenn im Ferienlager ein bisschen geraucht und Bier getrunken wird und nicht alles den Angaben im Katalog entspricht, ja, was!?, jetzt seid nicht solche Spießer!

Was, ich??

Allerdings bin ich der Meinung, dass ich eben auch nicht 300 Euro pro Kind für etwas zu bezahlen brauche, was sie daheim auch umsonst haben können, das macht mich so narrisch, ich könnte ... Mama!!!

Ja, phh, schon gut.


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