Der Moneymaker der Mächtigen


Porträt: Barbara Tóth
Politik | aus FALTER 36/11 vom 07.09.2011

In jedem Skandal fällt sein Name. Wer ist Peter Hochegger, der Lobbyist, der Wolfgang Schüssel stürzte?

Früher wäre ihm das nicht passiert. Peter Hochegger war der Mann, der wusste, wer anzurufen war, wenn in dieser Republik etwas bewegt werden sollte. Er nannte sich stolz einen "Kommunikationskybernetiker“. Kybernetik ist die Steuerung unterschiedlicher komplexer Regelkreise. Im Verständnis Hocheggers, des langjährigen Unternehmensberaters und Lobbyisten, ging es um das Zusammenbringen von Politik, Wirtschaft und Medien, um kleine und große Gefälligkeitsdienste unter den oberen Zehntausend. Damit war er groß geworden, damit hatte er sich einen Ruf gemacht. Und dann tappte der einst so erfahrene Lobbyist letzte Woche in eine Falle des simpelsten Regelkreises der Republik, des Boulevards.

Die Burgenländerin Dora Varro arbeitet für die deutsche Bild. Sie und Hochegger sind befreundet, also stimmte der Kommunikationsprofi, der für andere Medien derzeit nur ein "Kein Kommentar“ übrig hat, einem Tête-à-Tête im Sacher Eck auf der Kärntner Straße zu. Was Hochegger nicht wusste, war, dass ein Paparazzo des Boulevardblattes Österreich das Treffen heimlich knipste und damit die Bilder für die Schlagzeile am Mittwoch vergangener Woche lieferte: "Der Telekom-Lobbyist stellt sich“. Varro besprach sich mit Hochegger übrigens darüber, ob sie von Bild zu Österreich wechseln soll. Welchen Rat er ihr gab, ist nicht überliefert.

Hochegger - dieser Name fällt derzeit in Zusammenhang mit den größten Skandalen unter der Kanzlerschaft Wolfgang Schüssels. Lange konnte die ÖVP den Ruf ihrer Regierungszeit als "Reformära“ hochhalten. Die jüngsten Enthüllungen erzählen eine andere Geschichte. Eurofighter, Buwog-Privatisierung, Hypo-Alpe-Adria, Telekom - überall schnitten blau-schwarze Spitzenmanager und politische Günstlinge mit, in vielen Fällen dürften Parteikassen hintenrum gefüllt worden sein. Bundespräsident Heinz Fischer fordert nun "eine Politik und Wirtschaft mit sauberen Händen“, eine Anspielung auf den italienischen Begriff mani pulite. Unter diesem Schlagwort lief im Italien der 90er-Jahre die langwierige Aufarbeitung von Korruption, Amtsmissbrauch und illegaler Parteienfinanzierung. Selbst die ÖVP hat ihren Widerstand gegen einen Telekom-Untersuchungsausschuss aufgegeben, als erste Vorleistung kündigte Schüssel am Montag an, sein Mandat zurückzulegen.

Jede Zeit bringt ihre Form der Korruption hervor. Österreichs Elite lebte immer schon nach dem Prinzip "da geht noch was“. Nicht umsonst taufte der Spiegel Österreich 1985 eine "Skandalrepublik“. Damals griffen rote Minister in Gewerkschaftskassen, statt bei Aktienmanipulationen oder Privatisierungsgewinnen mitzuschneiden, probierten politische Günstlinge es mit vergleichsweise banalem Versicherungsbetrug.

Dieses System der persönlichen Bereicherungen wurde unter Schwarz-Blau von einer kleinen Clique selbstsüchtiger Aufsteigertypen perfektioniert. Hochegger war einer ihrer erfolgreichsten Maschinisten, als Vehikel dafür diente ihm vor allem seine Firma Valora AG (siehe Kasten Seite 12). Schon im Jahr 2000 hatte Hochegger für einen freiheitlichen Ministersekretär ein Diagramm gezeichnet, dass die Verteilung der Provisionsgewinne der anstehenden Privatisierungen der Ära Schwarz-Blau über Briefkastenfirmen illustrieren sollte. An die Skizze wollte er sich später nicht mehr erinnern, aber "von der Logik her“ stimme es. Hochegger zählt damit zu den Schlüsselfiguren der bevorstehenden politischen Aufarbeitung. Seine Geschichte ist eine der heimischen sogenannten Elite - und ihrer kriminellen Energie.

Kommende Woche wird Hochegger erneut vor der Justiz Gelegenheit haben, Zeugnis abzulegen. Auch diesmal geht es um die Telekom-Affäre, einmal mehr stehen die über Valora AG gelaufenen Abrechnungen im Mittelpunkt des Interesses der Ermittler.

Schon zu Wendezeiten waren Hocheggers Geschäfte mit den Blauen in seiner Agentur nicht beliebt, erst recht, als die Homepage-Affäre rund um Finanzminister Grasser publik wurde, die über die Hochegger-Firma Martrix abgewickelt wurde. Keine politische Beratung mehr, lautete die Forderung seiner Mitgesellschafter, also lagerte Hochegger heikle Causen ab 2002 in die Valora AG aus. Mit der Zeit dürfte sich das System verselbstständigt haben. Die Ermittler prüfen Hocheggers Valora-AG-Buchhaltung auf den Verdacht zu Beihilfe gegen Untreue - höchstes Strafausmaß zehn Jahre. Stutzig machen sie aber auch eine Handvoll Originalrechnungen, jeweils an die Telekom adressiert, in der für ein und dasselbe Beratungsprojekt einmal eine realistische Summe über die offizielle Schiene, also über die Agentur Hochegger, ein anderes Mal, mit einem krass höheren Betrag, über die Valora verrechnet wurden.

Auf jeden Höhenrausch folgt Ernüchterung, im Fall von Peter Hochegger war der Tag der ersten größeren Einsicht der 17. September 2009. Dieses Datum trägt seine erste Selbstanzeige an das Finanzamt, die er gemeinsam mit seinem Anwalt Gabriel Lansky unter Hochdruck ausgearbeitet hat. Die Buwog-Affäre war kurz zuvor aufgeflogen, Hochegger hatte 2,3 Millionen Euro Provision kassiert. Wer die wenigen Seiten liest, wird den Eindruck nicht los, dass sich hier jemand erstmals mit einem Lebensabschnitt auseinandersetzt, durch den er ohne Skrupel und ohne viel nachzudenken gegangen ist.

Alles begann, als Hochegger Ende der 90er-Jahre Walter Meischberger kennenlernte. Der Tiroler verstand es wie kein anderer, den Zugang zum zukünftigen Finanzminister Karl-Heinz Grasser, damals noch Manager im Unternehmen Magna von Frank Stronach, zu monopolisieren. Wer immer Geschäfte mit Grasser machen wollte, kam an "Meischi“ nicht vorbei, der für seine Vermittlerdienste Provisionen nahm.

Gleich nach der Wende wurde Hochegger/Com zum Haus- und Hofliferanten von Schwarz-Blau. Hochegger hatte als Erster erkannt, dass den frischgebackenen FPÖ-Regierungsmitgliedern nicht nur Kompetenzen, sondern auch Kontakte fehlten. Sein Meisterstück lieferte er mit der Stilisierung Grassers zum "Mr. Nulldefizit“ ab. Mit einem Honorarumsatz von 8,8 Millionen Euro und 43 Mitarbeitern war Hochegger - ihm gehörte die Firma gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Paul - die zweitgrößte Agentur im Jahr 2002, eine Steigerung von 70 Prozent zum Vorjahr. So schnell wuchs niemand anderer. Man träumte von der Ostexpansion und dem Börsengang.

Mit dem beruflichen Aufstieg änderten sich auch Hocheggers private Verhältnisse. Mitte der Nullerjahre ließ sich der Mittfünfziger, der mit seiner langjährigen Ehefrau eine Tochter adoptiert hat, scheiden. Er bezog für die darauffolgenden Jahre eine Suite des 5-Sterne-Hotels Intercontinental, legte sich einen Jaguar, vermittelt von Grasser persönlich, dann einen Maserati zu, trainierte im hoteleigenen Fitnesscenter und tauchte bei Firmenfeiern und "Seitenblicke“-Events braungebrannt, muskulös und mit wechselnder Begleitung auf.

In dieser Zeit plauderte der Berater, der einst für sein zurückgezogenes Privatleben bekannt war, mit Journalistin Silvia Jelincic für deren Buch "Die nackte Elite“ über Edelhuren, Potenzmittel und Nobelpuffs und deren Faszination auf die heimische Managerelite. Hier dokumentiert einer seine verspätete Midlifecrisis, tuschelten Freunde. In der Agentur häuften sich die Anrufe verwunderter Kunden. Später beschrieb Hochegger diese Zeit einmal so: Er fühlte sich wie ein Kanarienvogel, der zu lange in einem Käfig eingeschlossen war.

Die neue Freiheit kostete Geld. Die Scheidung war teuer gewesen, nach dem Tod seines Vaters war die Pflege für die betagte Mutter zu zahlen, die Tochter studiert auf englischsprachigen Privatuniversitäten. Ab Juli 2008, erklärte Hochegger den Ermittlern, konnte er sein normales Nettomonatseinkommen von 15.000 bis 20.000 Euro nicht mehr durch Entnahmen seiner Agentur decken.

Also engagierte er kurzerhand einen Kurier, der ihm sein auf Zypern geparktes Geld über Liechtenstein in Tranchen bar nach Österreich brachte. Zuerst 278.000 Euro, drei Monate später 170.000 Euro und noch einmal 150.000 Euro im Jänner 2009 wurden ihm, in 500-Euro-Scheinen abgepackt, in einem Besprechungszimmer des Hotels am Stephansplatz überreicht. Den Rest hatte er in Aktien und eine Wohnung in Sofia gesteckt, sowie in ein Hotel- und Sozialprojekt seiner Cousine Gisela Wisniewski in Brasilien investiert. Dort urlaubt Hochegger nach wie vor regelmäßig.

Als im September 2009 die Buwog-Affäre aufflog, sprangen wichtige Kunden und Geschäftsführer der Agentur endgültig ab, heute gibt es sie nicht mehr. In wenigen Jahren hat Peter Hochegger ruiniert, was sein Bruder Paul und er ein Leben lang aufgebaut hatten.

Sie waren die Hochegger-Buam aus der Obersteiermark, die nach Wien gekommen waren, um die Stadt aufzumischen. So stellten sie es jedenfalls selber gerne dar. Gegenüber roten Kunden verwies Peter, kein großer Redner, aber im Vieraugengespräch ein Meister des Einschmeichelns, auf seine "einfache“ Herkunft aus der traditionsreichen Industrieregion, blauen Gesprächspartnern verriet er, dass sein Vater bei der VdU war, der Vorgängerorganisation der FPÖ. Beides stimmt ein bisschen.

Im Heimatort der Familie Hochegger, in Mürzsteg am Ende des Mürztals, ist ihr Name nicht zu übersehen. Er prangt, in großen Holzlettern geschnitzt, auf einem stattlichen Haus, das heute mitten auf dem Areal des Kinderhotels Appelhof liegt, das Hocheggers Cousine Wisniewski betreibt. Einst waren die Hocheggers beziehungsweise Engelbrechts, wie die Familie mütterlicherseits hieß, die erste Familie im Dorf. Ihnen gehörte das Sägewerk und das Dorfwirtshaus. Ihr kleines Wasserkraftwerk versorgte Mürzsteg nach dem Zweiten Weltkrieg schon mit Strom, als die anderen Dörfer noch Kerzen horten mussten. Das Sägewerk ging später ein, aber Vater Viktor Hochegger blieb als Obmann des Fremdenverkehrs- und Kameradschaftsbundes eine lokale Größe. Die beiden Söhne wurden noch als Kinder aufs Internat der HTL in Waidhofen geschickt. Die Hochegger-Brüder wuchsen im Bewusstsein auf, einmal etwas Besseres gewesen zu sein - und es zu etwas bringen zu müssen.

Als sie im Jahr 1988 ihre Agentur, damals noch strikt auf Unternehmensberatung ausgerichtet, gründeten, hätte der Zeitpunkt nicht besser sein können. Die Schwächen im sozialpartnerschaftlichen, kooperatistisch organisierten Politik- und Wirtschaftswesen waren offensichtlich, der Bedarf nach frischem Wind war groß. Peter schrieb, ganz im Zeitgeist, seine Diplomarbeit an der Universität für Welthandel über den linken Wirtschaftsdenker John May-nard Keynes, in seiner Dissertation entwarf er sein erstes Beratungsprojekt: einen "Nationalen Aktionsplan“ für Tourismus in Südafrika. Das aus den USA importierte "Issue Management“ war der letzte Schrei. Unternehmen entdeckten die gezielte Beeinflussung der öffentlichen Meinung als Wunderwaffe im Kampf gegen die Konkurrenz.

Die Arbeitsteilung war klar: Paul, deklarierter Sozialdemokrat, kümmerte sich um die "linke“ Reichshälfte. Peter sollte Industrie- und Unternehmerkontakte halten. Die Spezialität der Hocheggers waren damals ausgeklügelte Lobbyingkonzepte. Spätere Positionierungspapiere für blaue Minister wie Hubert Gorbach waren nur mehr ein müder Abklatsch ihrer früheren Arbeiten. Damals gelang es ihnen beispielsweise, für den Steyr-Konzern die Katalysatorpflicht für Mopeds durchzusetzen oder für den Wienerberger-Konzern den Ziegel als bessere Alternative zu Beton zu kommunizieren. "Die diskreten Regisseure“ nannte sie die Wochenpresse in einem Porträt. Hocheggers Dienste gehörten zu den teureren in der Branche. Ein Drittel für die Agentur, ein Drittel für Kickbacks, ein Drittel zur politischen Beeinflussung, diesen Ruf hatten sie allerdings schon damals, erinnert sich ein Branchenkenner.

Bereits im Laufe der zweiten Hälfte der 90er-Jahre müssen die Hochegger-Brüder ihres ursprünglichen Lebensplanes überdrüssig geworden sein. Immer nur Unternehmer beraten - warum nicht selber einer werden? Paul zog sich immer mehr aus dem operativen Geschäft bei der Stammagentur zurück und versuchte sich als Erfinder von Nischenprodukten wie der Bio-Aufstrichserie Bio.k. 2009 erkrankte er schwer.

Auch Peter wollte die Rolle des heimlichen Ohrenbläsers hinter sich lassen. Mal interessierte er sich für Scientology, dann protzte er mit seiner - unbestätigten - Mitgliedschaft bei den Freimauerern, was ihm schnell den Ruf des "Geschäftsmaurers“ einbrachte. Zeitgleich begann er, wie besessen für Marathonläufe zu trainieren. "Wovor rennt er davon?“, rätselten seine Freunde. Mit der Wende standen dem Steirerbuam dann endlich alle Türen offen - vor allem jene zum ganz großen Geld. Und die Chance, der Macht so nahe zu kommen wie noch nie.

Der befreite Kanarienvogel stürzte ab. Den Mann, dessen Kapital zeitlebens seine blendenden Kontakte zu Wirtschaftstreibenden, Politikern und Medienleuten war, will heute niemand mehr kennen. Viele, deren Namen öffentlich noch nicht gefallen sind, fürchten um ihren Ruf. Auf Hocheggers Valora-AG-Honorarlisten steht ein Gutteil der österreichischen Elite, manche mit plausiblen Leistungen, andere mit solchen, die zumindest fragwürdig sind. Vergangenen Freitag huschte Hochegger mit seinen blau verspiegelten Sonnenbrillen als Gesichtsschutz aus dem Büro seiner Anwaltskanzlei nahe der Rotenturmstraße. Immer noch sportlich, aber gehetzt.

"Angst, Dummheit und Gier“, mit diesen Worten rechtfertigt er gegenüber den wenigen Vertrauten, die er noch hat, rückblickend seine Taten. Das mag sein persönliches Schicksal erklären. Als Begründung vor dem Richter wird es nicht reichen. F


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