Ohren auf Sammelkritik: Neue Jazz-CDs vom CAM-Label

Zwischen Erfüllung und Unterforderung

Feuilleton | aus FALTER 36/11 vom 07.09.2011

Seit elf Jahren leistet sich das in Rom ansässige Traditionslabel CAM (kurz für: Creazioni Artistiche Musicali) eine international ausgerichtete Jazzabteilung unter besonderer Fokussierung auf die europäische Szene. Das reflektiert auch die aktuelle Tranche an Veröffentlichungen.

John Taylor, der 69-jährige britische Pianistenveteran, stockt im Rahmen von "Requiem for a Dreamer“ (CAM Jazz) sein Stammtrio mit Bassist Palle Danielsson und Drummer Martin France um Saxofonist Julian Argüelles auf. Taylor lässt sich vom Werk des bedeutenden US-Autors Kurt Vonnegut, etwa von dessen Alter Ego Kilgore Trout, zu organisch fließender Musik inspirieren, die spektakuläre Gesten vermeidet und ihre Höhepunkte immer wieder in intrikaten Implosionen findet.

Mit Trompeter Kenny Wheeler verbindet Taylor eine jahrzehntelange Partnerschaft, u.a. im 1977 initiierten Trio Azimuth, in dem die beiden freie Improvisation und repetitive Motivik zusammendachten. Für die 2006 entstandenen Aufnahmen zu "One of Many“ (CAM Jazz) zog der damals 76-jährige Wheeler neben Taylor niemand Geringeren als Steve Swallow bei. Dessen unverwechselbare Art, sich am E-Bass in den Dienst des Kollektivs zu stellen, dabei in jedem diskreten, gitarrenschlanken Ton unverwechselbar präsent zu sein, trägt wesentlich zur gelösten kammermusikalischen Dichte der Musik bei. Im Zentrum steht freilich Wheelers zutiefst lyrischer, dabei satter, praller Trompetenton, dessen existenzielle Aura durch manche Intonationsunschärfe nur weiter verstärkt wird.

Die Musik des 45-jährigen Instrumentalkollegen Diego Urcola kann da nicht ganz mithalten. Der in New York lebende Argentinier erweist mit "Appreciation“ (CAM Jazz) Leitfiguren von Paquito D’Rivera bis John Coltrane seine Reverenz. Er begnügt sich damit, straight musizierte Soli nach Sandwich-Manier mit Latin-infizierten Hardbop-Themen einzurahmen. Das ergibt nicht mehr als ambitionierte Nettigkeiten, von denen man sich formal glatt unterfordert fühlt.

andreas felber


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