Selbstversuch

So züchtet man sich Undankbarkeit


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 37/11 vom 14.09.2011

Neun Wochen waren wir von früh bis spät mit den Kindern zusammen, Tag und Nacht, Abend für Abend. Dann fuhren wir zurück in die Stadt und gingen zwei Mal hintereinander aus. Am ersten Abend schliefen die Kinder deshalb bei ihren besten Freundinnen, am zweiten kam ihr Lieblingsbabysitter, dazwischen sagte das eine Mimi zu seinem Vater: Weißt du, das ist nicht schön für ein Kind, wenn es eben erst vom Auswärtsübernachten heimkommt, und die Eltern gehen schon wieder aus.

So züchtet man sich Undankbarkeit ins Haus. Man sollte gegenüber Kindern viel gnadenloser und viel abwesender sein, man verwöhnt sie nur mit diesem ewig Lieb- und Dasein. Ging den ganzen Sommer so.

Schon wieder sitzt du vor dem Computer.

Wir hier auf dieser Seite des Bildschirms nennen es Arbeit.

Immer sitzt du vor dem Computer. Nie machst du etwas mit mir.

Natürlich hat es überhaupt keinen Sinn, Argumente anzuführen, wie jene, dass zwar Schulferien sind, aber keine Arbeitsferien mehr und dass andere Kinder ihre Eltern sehr viel seltener sehen. Völlig egal. Gefühlte Vernachlässigung ist möglicherweise mitunter noch schlimmer als echte. Eine Mutter, die man sehen, ansprechen, aber nicht jederzeit benutzen kann, ist für ein Kind offenbar wie eine Schleckeistruhe mit Glasdeckel und Vorhängeschloss, die gemeinste Gemeinheit überhaupt.

Wieso sitzt du immer vor dem Computer?

Um das Geld zu verdienen, um mir da drüben einen kleinen Büroturm bauen zu können, in den Kinder keinen Zutritt haben.

Wo?

Da drüben, hinter den Bäumen. Mit schalldichten Fenstern, aus denen man nur rausschauen, aber in die man nicht hineinsehen kann.

Das gibt es?

Das gibt es, aber sie sind sehr, sehr teuer, stör mich jetzt also nicht weiter, ich muss dafür mächtig viel Gerstl heranschaffen.

Das ist so unfair.

Oh ja.

Mir ist langweilig.

Mir nicht.

Nie machst du was mit uns.

Das ist natürlich kein bisschen wahr. Ich mache oft etwas mit meinen Kindern. Ich mache z.B. wesentlich mehr mit ihnen, als meine Mutter mit mir gemacht hat. Früher war man überhaupt der Meinung, dass man nicht ununterbrochen etwas mit Kindern machen muss, vor allem, wenn man extra mehrere davon bekommt. Allerdings sind meine Doppelkinder Teil einer Einzelkindgesellschaft, in der Kinder es gewohnt sind, von früh bis später unterhalten zu werden und, wenn nicht, dann wenigstens ersatzweise fernsehen zu dürfen.

Darf ich ...

Nein.

Andere Kinder haben viel liebevollere Eltern.

Jaja, weiß ich. Ich weiß.


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