Kunst Vernissage

Attacke und Weltschmerz, gestern und heute

Lexikon | aus FALTER 37/11 vom 14.09.2011

Zur Feier seines zehnjährigen Jubiläums hat das Leopold Museum eine Ausstellung konzipiert, die künstlerische Moderne und Gegenwartskunst miteinander verknüpft: Die Schau "Melancholie und Provokation. Das Egon-Schiele-Projekt“ bringt Schieles Frühwerk mit Arbeiten von Wiener Aktionisten wie Rudolf Schwarzkogler und Günter Brus und zeitgenössischen Positionen, etwa Franz Graf und Elke Krystufek zusammen.

Die Attacke auf bürgerliche Tabus findet in provokanten Werken Schieles um 1910 besonders starken Ausdruck. Der 20-jährige Künstler wandte sich damals von seinem Vorbild Gustav Klimt ab und folgte fortan einem expressiven Stil. Seine radikalen Selbstbildnisse wie der dürre, freigestellte "Sitzende männliche Akt“ griffen auch in ihrer Farbigkeit den Geschmack der Epoche an.

Gegen Ende jenes Wendejahres wurden seine mit Pinsel gezeichneten Darstellungen aber wieder weicher, und der Künstler ließ - zugunsten des Ausdrucks - auch in Landschaftsbildern traditionelle Raumschemata hinter sich.

Geprägt von der Renaissancestadt Krumau, dem Geburtsort seiner Mutter, schuf Schiele sein Schlüsselwerk "Die tote Stadt“ oder "Rabenlandschaft“, die dunkles Innenleben nach außen spiegeln. "Es ist nur aus Innigkeit entstanden“, äußert der bald verfemte Künstler zu seinem Bild "Die Eremiten“, das Weltschmerz überdeutlich ausdrückt. In die Nähe des Todes rückt "Entschwebung“ von 1915, das zwei ergriffene Männer in einem undefinierten Raum zeigt.

Der von Diethard Leopold kuratierte moderne Teil der Schau sucht auch das Crossover mit den Kunstformen Tanz und Performance, die durch die Theatermacherin Claudia Bosse und dem Tanzchoreografen Philipp Gehmacher vertreten sind. NS

Leopold Museum, Do 19.00; bis 30.1.


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