Am Apparat

Wie kommt das Horst-Wessel-Lied in den ORF, Herr Lorenz?

Telefonkolumne

Politik | Interview: W. Zwander | aus FALTER 38/11 vom 21.09.2011

Erst im Juni dieses Jahres hat der Falter berichtet, dass der ORF in seinem Kinderprogramm alte Walt-Disney-Cartoons mit antisemitischem Inhalt spielt. ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz sagte daraufhin, er werde Sorge tragen, dass ein solcher Fehler "sich nicht wiederholen kann“. Nun, nur ein paar Wochen später, wurde im ORF-Hauptabendprogramm vergangenen Freitag im Zuge der Castingshow "Die große Chance“ die Melodie des Horst-Wessel-Lieds gespielt; das Musikstück war die Hymne der NSDAP und ist in Österreich verboten.

Herr Lorenz, was hat die Melodie des Horst-Wessel-Lieds im ORF-Hauptabendprogramm verloren?

Ich bin selbst fast in Ohnmacht gefallen, als ich davon gehört habe. Der Grund, wie es dazu kommen konnte, klingt wirklich blöd, aber es ist die Wahrheit: Just am Abend der Aufnahme der Sendung ist in die Villa des musikalischen Leiters eingebrochen worden, und seine Gattin hat ihn angerufen und verzweifelt darum gebeten, er möge sofort nach Hause kommen. Wäre er da gewesen, hätte er es erkannt.

Der Mann, der das Lied vorgetragen hat, entschuldigte sich damit, dass er von Horst Wessel nichts wisse und dass die gleiche Melodie auch die eines alten Fischerlieds sei. Glauben Sie ihm das?

Ja, eigentlich schon. Dieses Seemannslied gibt es wirklich, und es ist im Handel legal erhältlich. Gerade weil das Horst-Wessel-Lied seit Jahrzehnten verboten ist, kennt es auch keiner mehr. Das gilt auch für die ORF-Belegschaft, die Sendung ging durch 20 Hände, aber niemandem ist etwas aufgefallen.

Wie haben Sie vom Fauxpas erfahren?

Während der Sendung ist es nicht aufgefallen. Wir sind erst über erboste Anrufer darauf aufmerksam geworden. Die meisten von ihnen waren leider in einem Alter, das vermuten lässt, dass sie sich das Lied einst noch selbst anhören mussten. Das ist doppelt schmerzhaft.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige