Selbstversuch

Wird sich schon wer drum kümmern

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 38/11 vom 21.09.2011

Allerweil wird jetzt über den Druck geredet, unter dem die moderne Frau steht, was die jetzt alles sein und können muss, erfolgreiche Erwerbstätige, gute Mutter, sensible Partnerin, geile Geliebte, gute Freundin, fesche Köchin. Das sei doch zu viel jetzt! Die totale Überforderung, siehe auch Charlotte Roche. Aber: Wollten wir das nicht? Wir wollten doch alles können und alles dürfen, wir wollten doch, dass man uns alles zutraut, wir wollten Karriere machen und trotzdem Mütter sein dürfen, im Baumarkt mit Respekt behandelt werden, mit 50 noch nicht alt sein, Kinder spät oder gar nicht kriegen. Und jetzt, wo wir dürfen, erinnern wir uns wehmütig an die 50er-Jahre zurück, wo alles so übersichtlich war und die Aufgaben ordentlich aufgeteilt waren? Geh. Ich finde, wir haben das gut hingekriegt, jetzt bis auf die gleiche Macht und das gleiche Geld. Wir wollten das. Oder.

Aber natürlich. Die blöde Praxis. Ich komm am Abend ins Bett, liegt dort schon der Lange, spielt mit der Fernbedienung und sagt: Der Fernseher funktioniert schon wieder nicht. Ich sage: Hast du probiert. Hat er nicht. Weil: Er kann ja Technik nicht. (Es sei denn, es handelt sich um so ein Super-Elektronik-Kastl, das man an die E-Gitarre hängt. Da zwei Millionen Sounds und Loops zu programmieren: kein Problem. Aber eine Wii installieren? Wird sich schon wer drum kümmern.)

Der Umstand, dass das schon wieder ich bin, macht mich ein bissl ruppig, jedenfalls fällt der Fernseher herunter. Es stimmt nicht, dass ich ihn geworfen habe, und er implodiert auch nicht, das Glas hat nicht einmal einen Riss, es rumpelt nur und er ist hin. Mir ist das, ehrlich gesagt, wurscht, weil das alte Glumpert ja vorher schon so hinüber war, dass ich immerzu aufstehen und an irgendwelchen Kabeln und Anschlüssen rütteln musste, permanent haben die Kinder "Mamaaaaaa!“ gerufen, "Mamaaaaaa, der Fernseher!!!“ (nie: "Papaaaaaa, der Fernseher!“), immer musste ich, was immer ich gerade machte, unterbrechen und den Fernseher wieder in Gang kriegen. Weil ich kann das ja.

Dass der blöde alte Fernseher jetzt kaputt am Boden liegt, wird meiner Lebensqualität langfristig enorm zugute kommen. Wenn auch nicht im Moment, denn im Moment kommt es zu unreflektierten Äußerungen und räumlicher Separierung, was mir auch wurscht ist, denn ich habe Ruhe und ich habe Bücher und ich habe einen Laptop und alle Staffeln "West Wing“. Von mir aus kann der Fernseher kaputt bleiben. Ich tue jetzt einmal gar nichts. Jemand anderer soll sich um den Fernseher kümmern.

Natürlich heißt es dann: Typisch Weib. Und der Trick ist, glaube ich, das auszuhalten. Weil dass wir alles können, wissen jetzt eh alle, oder? Wir sind super. Jetzt geht’s um Aufgabenselektion und Delegation und die Selbstverständlichkeit zu sagen: Ja, ich kann das, aber ich will nicht. Jetzt nicht und dann nicht. Du, jetzt du.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige