Mediaforschung  

Warum inseriert der Kanzler in Boulevardblättern, Herr Bilalic?

Nachfragekolumne

Medien | Barbara Tóth | aus FALTER 39/11 vom 28.09.2011

Ein wenig unangenehm ist dem Kanzleramt die Sache offenbar doch. Der erste Pressesprecher des Kanzlers, Neddy Bilalic, ist nicht erreichbar. Seine Nachrichtenbox verweist auf seinen Sprecherkollegen Leo Szemeliker. Der wiederum meint, es gäbe ohnehin eine schriftliche Stellungnahme zu dem wohl am meisten diskutierten Politikerinserat seit Monaten.

Ausgerechnet eine Woche nachdem Werner Faymann wegen seinen angeblichen Anzeigeninterventionen auf Kosten der ÖBB zugunsten der Kronen Zeitung heftig kritisiert wurde, inserierte er gemeinsam mit SPÖ-Gesundheitsminister Alois Stöger letzten Donnerstag erneut großflächig in den beiden Gratiszeitungen Österreich und Heute. "Regierung Faymann stoppt die Zwei-Klassen-Medizin“, lautet die Titelzeile. Nur wer genau hinschaut, sieht, dass es sich hier nicht um einen Artikel, sondern um eine Einschaltung handelt. Die Seite hat die gleiche Schrift und das gleiche Layout wie der Rest des Blattes, nur der kleine Hinweis "Werbung“ am Seitenrand weist darauf hin.

Noch Ende August berichtete Heute überaus kritisch über lange Wartelisten für nicht Zusatzversicherte im Gesundheitssystem, wenige Wochen später lässt sich Faymann im Doppelpack mit Stöger als Retter desselben feiern. Ein Zufall? "Derartige Einschaltungen werden lange im Voraus geplant. Das Kanzleramt informiert seit zwei Jahren regelmäßig über die Tätigkeit der Ressorts“, heißt es in der dürren Stellungnahme des Kanzleramts. Wie es zwischen Politik und Medien in Österreich wirklich läuft, schilderten anonyme Zeugen im Falter 29/2011. Drohungen, dass weiterhin Negativkampagnen gefahren werden, falls nicht mehr inseriert wird, gehören demnach zum politmedialen Alltag, gerade auf Österreichs Boulevard. Also alles reiner Zufall.


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