Liebe ist kälter als der Tod: "Das weite Land“ von Schnitzler als Film noir im Burgtheater

Feuilleton | Theaterkritik: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 39/11 vom 28.09.2011

Arthur Schnitzler ist für das Regietheater, ähnlich wie Tschechow, eine harte Nuss. Für seine ungeheuer fein gewobenen Gesellschaftsdramen scheinen ein bestimmtes Milieu und ein psychologisch-realistischer Spielstil unabdingbar, weshalb Schnitzler-Inszenierungen alle mehr oder weniger gleich aussehen.

Regisseur Alvis Hermanis, der das als Lette naturgemäß deutlich distanzierter sieht, hat im Burgtheater jetzt den ziemlich spektakulären Versuch unternommen, Schnitzler in einen vollkommen neuen Rahmen zu stellen: Er inszeniert "Das weite Land“ mit den ästhetischen Mitteln des Film noir, aus Baden bei Wien 1910 wird sozusagen Chicago 1930.

Bühne und Kostüme sind ganz in Schwarz, Weiß und Grau gehalten; die Herren tragen Borsalino und Nadelstreif, die Damen wasserstoffblonde Perücken und Strumpfbandgürtel; statt Tennis wird natürlich Billard gespielt. Ein passender Soundtrack, der Mike Hammer ebenso zitiert wie Hitchcocks "Vertigo“, begleitet die Szenerie.

Hermanis erzählt Schnitzlers "Tragikomödie“ - in der ein tödlicher Bergunfall, ein Selbstmord und ein Duell entscheidende Rollen spielen - als Psychothriller. Dass sich das nicht ausgeht, ist logisch, war aber wohl auch gar nicht die Absicht.

Spannend ist das Konzept gerade in den Brüchen, die sich daraus ergeben. Etwa wenn aus der naiven jungen Erna Wahl (Katharina Lorenz) eine eiskalte Femme fatale wird oder aus dem braven Hausarzt (Fall Rockstroh) ein dubioser Psychiater.

Die Kälte der Inszenierung passt zum unterkühlten Charakter der Hauptfigur, des Fabrikanten Friedrich Hofreiter. Peter Simonischek fehlt es für die Rolle allerdings an Brutalität. Und für vier Stunden Theater ist Hermanis’ Ansatz vielleicht doch etwas zu monochrom geraten. Trotzdem: netter Versuch.


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