Selbstversuch

Und nächste Woche wird alles wieder normal

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 39/11 vom 28.09.2011

Wir waren im Wald spazieren, und ich habe den Mimis gesagt: Diese Woche ist Vater-Schonung angesagt. Wenn er wegen nichts auszuckt: einfach lächeln. Wenn er auf Fragen nicht antwortet oder wenn die Antworten nicht zu den Fragen passen: einfach so tun als ob. Diese Woche keine Debatten übers Rauchen, das könnt ihr ihm nächste Woche wieder abgewöhnen. So wie er natürlich überhaupt alles, was wir ihm diese Woche durchgehen lassen, in der nächsten Woche mit Zinsen vom Sparbuch abheben kann. Nächste Woche, nach dem Samstagabend, nach seinem Konzert, da wird alles wieder normal. Das eine Mimi hat gesagt: Jaja; das andere: Können wir jetzt umkehren, mir tun die Beine weh. Ich sagte, wir gehen grade mal eine Viertelstunde. Das Mimi: Trotzdem. Ich sagte: Als ihr vier wart, sind wir mit euch stundenlang über die Almen gewandert und ihr habt nicht gejammert, ihr fandet es toll. Das Mimi: Jaja. Sobald ich wieder vier bin, werde ich wieder richtig Spaß am Wandern haben, das wird lustig.

Sie haben jetzt Handys. Das war möglicherweise das letzte Wochenende, dass sie überhaupt noch aus freien Stücken mit mir gesprochen haben, auf einer Wie-ändert-man-den-Hintergrund-Basis. Weil jemand musste ihnen das Handy ja erklären, und der jemand war: richtig. Aber bitte: Im Schlafzimmer läuft ein neuer Fernseher, Flachbild, 104 Zentimeter Diagonale, alle Programme, wo sie sein sollen, und das Einzige, was ich tun musste, war zu helfen, ihn heraufzutragen. Danach war es wichtig, zwei Stunden lang nicht in die Nähe des Schlafzimmers zu geraten. Bei dem einen Mal, bei dem sich eine Betretung nicht vermeiden ließ, stieß ich auf einen Langen, der mit einer Bedienungsanleitung vor einem blau leuchtenden Bildschirm saß und mit traurigen Augen sagte: Das funktioniert nicht, keine Chance. Ich sagte: Oje, und ging wieder. Und eine Stunde später funktioniert es doch, ohne mein Zutun.

Denn ich lerne. Ich lerne nicht nur von Alice Schwarzer, sondern auch von Wolf Wondratschek, der im Standard-Sommergespräch mein neues Lebensmotto formulierte, in dem er erklärte, wie man die Schriftstellerei und das Kinderhaben unter einen Hut kriegt. "Auf den Spielplatz gehen, in den Kindergarten. Alle Phasen. Aber keine Verpflichtungen. Es war für mich immer klar, wenn ich merke, es kommt ein Roman, der geschrieben werden muss, dann weiß ich, das sind etwa zwei Jahre, dann werde ich mir diese Zeit wirklich nehmen und mich in die Isolation begeben.“

Ich warte nur noch bis nächste Woche, nur noch bis nach dem Konzert, dann werde ich dem Langen erklären, dass ich den neuen Roman in mir spüre und dass er jetzt geschrieben werden muss und ich mich jetzt ein, zwei Jahre nicht um die Kinder und den Haushalt kümmern kann. Ich brauche jetzt bis auf weiteres so einen Meter Isolation um mich herum. Keine Verpflichtungen, vorläufig.

Ich weiß, er wird das verstehen.


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