Kritik

Jetzt doch in Wien: der neue Handke

Lexikon | aus FALTER 39/11 vom 28.09.2011

Ursprünglich sollte Peter Handkes neues Stück "Immer noch Sturm“ von seinem Leibregisseur Claus Peymann am Burgtheater uraufgeführt werden. Doch dann kam’s zwischen den beiden alten Freunden zum Streit, Handke entzog Peymann die Rechte, und die Uraufführung fand - als Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater - bei den Salzburger Festspielen statt. Aufgrund einer "Kooperation“ ist die Inszenierung nun doch auch im Burgtheater zu sehen.

Das nicht in Dramenform, sondern als Ich-Erzählung geschriebene Stück ist, neben "Wunschloses Unglück“ von 1972, Handkes privatester Text; er lässt sich als Mischung aus Familienaufstellung, Traumspiel und Geschichtsstunde beschreiben. Auf dem Kärntner Jaunfeld begegnet der Autor seinen Verwandten wieder, den Großeltern, der Mutter, der Tante und den Onkeln. Diese sind zum Greifen nahe, zugleich aber auch Jahrzehnte entfernt: Handke selbst befindet sich in der Gegenwart, die anderen in den 30er- und 40er-Jahren. Obwohl der Autor unter anderem aus Feldpostbriefen zitiert, darf man "Immer noch Sturm“ nicht mit einem Doku-Drama verwechseln: Poesie geht bei Handke allemal vor Faktentreue, vieles ist erfunden. Und indem er den Kärntner Slowenen und insbesondere den slowenischen Partisanen ein literarisches Denkmal setzt, erklärt Handke indirekt auch seine manchmal so problematische Liebe zu Jugoslawien.

Dimiter Gotscheffs sehr reduzierte Inszenierung ist im Wesentlichen ein wuchtiger Bilderrahmen für den Text. Auf die leere Bühne lässt Kathrin Brack es stundenlang (Apfel-)Blätter regnen, das Ensemble - darunter Jens Harzer als Autor und die Ex-Burgschauspielerin Oda Thormeyer als dessen Mutter - ist immer vollzählig versammelt. Der Text ist überlang, seine postdramatische Form aber lässt dem Theater viel Raum. Gotscheff kann damit relativ wenig anfangen. Zu wenig jedenfalls für mehr als vier Stunden Theater. WK

Burgtheater, Mo 18.00


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