Musiktheater Kritik

Mit Songzyklus illustrierter Büchner

Lexikon | aus FALTER 39/11 vom 28.09.2011

Georg Büchners letztes Fragment (1834) gehört zum Kanon der besten Dramen, die das europäische Schauspiel jemals hervorgebracht hat. Allein beim Lesen dieser Szenenfolge um den Soldaten Woyzeck, der aus Eifersucht zum Mörder Maries wird, ist jedes Wort, jeder die Personen charakterisierende Satz von schlichtweg umwerfender Gültigkeit. Aus dem Stoff ein Musiktheater zu machen, das mehr ist als dieser Text, gelang bislang nur Alban Berg in seiner Oper "Wozzeck“. Ersteres wusste die Regisseurin Stephanie Mohr genau, die "Woyzeck & The Tiger Lillies“ von Georg Büchner (sic!) inszenierte, Letzteres bedachten die Produzenten schon weniger. Also hielt man sich bei der Umsetzung durchaus gültig daran, das Schauspiel textgenau auf die Bühne des Museumsquartiers zu bringen, mit übrigens hervorragenden Schauspielern der Hauptrollen: Raphael von Bargen (philosophisch spintisierend und wirklich auch "gehetzt“), Ruth Brauer-Kvam als erlebnissüchtige, kaugummikauende junge Mutter in Jeans, besonders auch Ben Becker als Hauptmann und Joachim Bißmeier als Doktor. Das Ganze spielt in einer Jahrmarkt-Platz-Bühne mit Buden und Wohnwägen als Behausungen der Protagonisten. Großartig wäre die Inszenierung des "Woyzeck“ dann geworden, wenn man sie einem großen Schauspielregisseur überlassen hätte.

Und das "Musiktheater“? Der Trio-Leadsänger Martyn Jacques in weißer Clownschminke, bewehrt mit einer kleinen Ziehharmonika, ab und zu auch grölend wie einst Tom Waits, steuert zwölf englischsprachige Songs bei, die für sich sehr gut sind, die Handlung mit "Lyrics“ kommentieren (und unterbrechen). Dazu kommt ein Blasorchester in Uniformen und/oder Lederhosen, dessen Nummern vom Routinier Christian Kolonovits stammen. Der Besuch ist bedingt zu empfehlen. HR

Museumsquartier, Halle E, Fr, Sa, Mo-Do 19.30 (bis 15.10.)


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