Kritik

Vom Geisterglauben zur kopflastigen Geistesschau

Lexikon | Matthias Dusini | aus FALTER 39/11 vom 28.09.2011

In der Zeit des Kolonialismus wurde der Geisterglaube der "Primitiven“ als animistisch bezeichnet. Sigmund Freud übertrug diesen Terminus auf das Seelenleben von Kindern und Geisteskranken, die auch keinen Unterschied zwischen Einbildungen und Tatsachen machen. Die Schau "Animismus. Moderne hinter den Spiegeln“ in der Generali Foundation widmet sich nun dem Thema.

Wie fließend die Grenze zwischen Wissenschaft und Glauben sein kann, zeigen Candida Höfers Fotografien aus ethnologischen Museen. Die Forscher wirken in ihren Schutzanzügen wie Geisterjäger. Jimmie Durhams Installation "The Dangers of Petrification“ (2007) macht sich über den Begriff der unbelebten Materie lustig: Die wie einem Museum sortierten Steine sehen wie Würste und Schinken aus. Victor Grippo zapft die Materie von Erdäpfeln an. Nun wird die Ausstellung assoziativer. Auch Walt Disneys Zeichentrickfilme finden hier - als eine Belebung unbelebter Zeichen - ihren Platz. Und gab es nicht eine postmoderne Neubewertung des Primitivismus? Angela Melitopoulos und Maurizio Lazzarato folgen in einer Videoinstallation den Spuren des Psychiaters Félix Guattari, der in den Ritualen indigener Völker die Ausdrucksformen einer befreiten Körpersprache erkannte. Auf dieses komplizierte Thema kann sich der Besucher in einer mehrstündigen BBC-Serie zur Geschichte der Psychoanalyse einstimmen. Lebhafter wird die Schau durch ihre thematischen Seitenarme aber nicht. Den hinter Glas ausgebreiteten Lesestoff von Kurator Anselm Franke würde man gern in die Hand nehmen. Die Sehnsucht nach einem Löwenfell oder einem Papageienschrei stellt sich ein. Wie schön waren doch die alten Dioramen! Zu viel Kopf hat diesem Studienraum die Seele geraubt.

Generali Foundation; bis 29.1.


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