Nur Mut zur Feigheit

DURST | aus FALTER 40/11 vom 05.10.2011

Wir haben unsere Freiheit verschenkt. Das klingt schlimm, ist es aber nicht. Denn erstens hat es niemand bemerkt und zweitens hat es keinen gestört. Wir fühlen uns wohl und sind gesund. Immerhin. Die paar nächtlichen Panikattacken kriegt doch keiner mit. Das Drücken in der Magengrube geht vorüber. Vertraut uns. Das geht schon. Irgendwie.

Nicht bewegen

Dass die Alten unsere Pensionen verprassen, während wir als Praktikanten für einen Hungerlohn arbeiten, ist doch ein alter Hut. Ein paar korrupte Politiker, ein paar Justizskandale. Tagesgeschäft. Unsere Wut haben wir uns schon vor Jahren mit Edding auf den Schulrucksack und damit aus dem System geschrieben. "Wer sich nicht bewegt, kann die Ketten nicht spüren!“ Naiv und pubertär, richtig? Mittlerweile wissen wir es besser: Wir haben uns engagiert und dann immer mehr arrangiert. Vernetzt und eingenetzt.

Nicht aufstehen

Irgendwann wurde der Rucksack schäbig und die Ideen gleich mit. Wir haben gelernt, was geht und was nicht geht. Wir wissen Bescheid über Arbeitslosenquoten und Anstellungsverhältnisse, Zukunftsbranchen und Branchenüblichkeiten. Politik passiert und wir passen. Keine Zeit, keine Motivation, keine Perspektive. Es ist immer nur ein Frage der Zeit, eine Frage, wie oft man gegen die Wand rennt, bevor man liegen bleibt. Also lieber erst gar nicht aufstehen.

Liegenbleiben

Nicht, dass wir nicht wüssten was Freiheit ist: Ägypten. Libyen. Der Kampf um die Freiheit im 24-Stunden-Livestream. Das war doch was. Nur hier in Österreich, da gibt es eben nichts zu kämpfen. Die Karten sind verteilt, jetzt heißt es selbst austeilen. Hier brennt nichts mehr. Wie angenehm. Und dann ist es plötzlich wieder da, dieses Drücken in der Magengrube. Tief durchatmen. Das geht schon. Irgendwie.


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