Enthusiasmuskolumne

Kuscheln mit Kurt Cobain

Diesmal: die beste Nirvana-Coverversion der Welt der Woche

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 40/11 vom 05.10.2011

Bei den britischen Erwachsenenpopmagazinen Mojo und Uncut gibt es diesen Spaß seit Jahren. Kaum hat ein legendäres Album der Rockgeschichte Geburtstag, lassen es die Blattmacher von zeitgenössischen Acts neu einspielen. Das Ergebnis liegt dann dem Heft bei - als Kaufanreiz und Sammlerstück für Fans. Theoretisch sind diese Coverprojekte historischer Meisterwerke im Endeffekt stets interessanter, als sie praktisch dann klingen - Dutzende halbgare Versionen alter Dylan-, Beatles-, Pink-Floyd- oder Clash-Hadern zeugen davon.

Jetzt hat die (Un-)Kultur des gecoverten Albums auch den deutschen Musikexpress erreicht. Zur Nirvana-Titelgeschichte im aktuellen Oktoberheft ("20 Jahre ‚Nevermind‘“) liegt eine CD bei, auf der sich mehr oder weniger interessante Vertreter einer jüngeren Popgeneration dieses beste und wichtigste Rockalbum der 90er-Jahre zur Brust nehmen. Die eine oder andere Deutung ist gelungen, vieles jedoch mittelmäßig und manches gar so schlecht, dass es fast wehtut.

Ein Song aber genügt, um das ganze Projekt doch noch zu rechtfertigen: Scott Matthew, der australische Balladensänger mit der rührenden Zitterstimme, singt "Territorial Pissings“, den kürzesten Song von "Nevermind“. Im Original ist es das schnellste, härteste, ungestümste und gewitzteste Lied des Albums; "I’ve never met a wise man, if so it was a woman“, lautet eine der drei minimalistischen Strophen; "just because you’re paranoid, don’t mean that they’re not after you“ eine andere.

Scott Matthew, dieser große Meister der Aneignung fremden Liedguts, interpretiert "Territorial Pissings“ als schwermütige Ballade - mit zart gezupfter Ukulele, ein wenig Klavier und hingebungsvollem Seufzgesang. Anstatt mit Kurt Cobain Pogo zu tanzen, verzieht er sich mit ihm also in die Kuschelecke. Damit hat jetzt auch der heimliche Hit auf "Nevermind“ seinen Balladenbruder - um "Smells Like Teen Spirit“ hatte sich Tori Amos ja schon 1992 gekümmert.


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