Ohren auf

Betrunkene Drachen, tapsige Tiger

Sammelkritik: Neuerscheinungen der japanischen Jazzmusikerin Satoko Fujii

Feuilleton | Andreas Felber | aus FALTER 40/11 vom 05.10.2011

Innerhalb der Downtown-Szene Manhattans hat sich Satoko Fujii einen Namen als ideenreiche Vielarbeiterin gemacht, die alle denkbaren Besetzungsformate zwischen Duo und Orchester bedient. Schwer überschaubar ist denn auch der reiche CD-Output der Pianistin und Komponistin aus Tokio, die bei Tzadik sowie im Eigenverlag auf Libra Records veröffentlicht, einem Label, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann betreibt, dem Trompeter Natsuki Tamura. Die aktuelle 3-CD-Tranche mutet da fast wie ein Crashkurs in Sachen Satoko Fujii an.

Im Min-Yoh Ensemble setzt die 53-Jährige mit "Watershed“ (Libra) die Übersetzung japanischer Volksmusik in den Kontext freier Improvisation fort. Exotistische Gefälligkeit ist nicht die Sache dieses mit Klavier, Trompete, Posaune und Akkordeon (Andrea Parkins!) bestückten Vierers, konkrete Rhythmen und Melodien schälen sich hier aus vielschichtigen Klanggefügen heraus, um bald wieder in freie, kurzweilige Kollektive zu zerfasern.

Prägend für das neue Quartett Rafale, das mit "Kaze“ (Libra) sein CD-Debüt vorlegt, sind hingegen die explosiven Geräuschinvestigationen der Trompeter Natsuki Tamura und Christian Pruvost: Das Stück "Noise Chopin“ mutiert so im Zuge dieses Konzertmitschnitts aus Krakau zur unorthodoxen Hommage an den Jahresregenten 2010. Fujii setzt in klugem Kontrast sparsame, tonale Akkorde gegen diese flüchtig-virtuosen Klangfarbenspiele. Nicht immer gelingt dabei der große Bogen so makellos wie in "Marie-T“.

Alle dramaturgischen Fäden fest in der Hand hat die Komponistin beim Satoko Fujii Orchestra New York: Kernstück des Albums "Eto“ (Libra) ist die gleichnamige Suite, inspiriert von den chinesischen Tierkreiszeichen. In den 14 gewitzten Miniaturen verwandelt sich Klarinettist Chris Speed in eine quirlig-kapriziöse "Rat“, Saxofonist Ellery Eskelin in einen tapsigen "Tiger“. Und Posaunist Curtis Hasselbring mimt einen offenbar schwer alkoholisierten "Dragon“. Das ist großes Free-Jazz-Kino!

Live: 11.10., 20 Uhr, Porgy & Bess


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