Phettbergs Predigtdienst

Wir sind Hölle und Himmel, sonst nix

Kolumnen | aus FALTER 40/11 vom 05.10.2011

Im Volkstheater sah ich mir "Du bleibst bei mir“ an, schon in Gefahr zu vergessen, dass die zwei liebenden Frauen eben real Lebende waren, als die Nazi-Hölle sich in Wien ereignete. Bedenke: Millionen Ermordete! Kaum kommt eine Person mit einem aktuellen Vergleich nur in die Nähe, wird sie geschnappt: Fekter, die Finanzministin, wurde zu Recht gebissen!

Leider ist Felix Mitterers Stück kein großer Wurf, er hat eine Schulstunden-Soap in eine fade Geschichtsstunde getaucht. Ein Anhang zum "Bockerer“, letztlich zum Mundl (das Original der Hausmeistin wurde z.B. großartig gespielt, darin hat das Volkstheater Tradition). Andererseits: Milliarden solcher "Phasen“ (= Zufall Gottes) wird es in der Nazi-Zeit vielleicht gegeben haben. Dieses Schwammgeflecht zu allen Zeiten ist das Geheimnis, das Gott für mich darstellt. Auch so was ist "Phase“, dass der Psychiater Erwin Ringel in derselben Gasse wie Dorothea Neff wohnte!

Ich hab als Kind nicht gewusst, dass Dorothea Neff bereits erblindet war, als sie die Tante Frieda in der Fernseh-Soap "Familie Leitner“ spielte. Auf ihre Aussprache des Wortes "Horror“ freute ich mich immer ganz besonders, im Burgtheater-Ton, mit spitzer Zunge gerollt. In den Szenen, wo Dorothea Neff die Penthesilea und Mutter Courage spielt, konnte ich das Wort "Horror“, weswegen ich eigentlich zu "Du bleibst bei mir“ gegangen bin, in der Tat erahnen, dank der großen Darstellung Andrea Eckerts: bravo! In Summe aber sah ich Fernsehen, mit Riesenanstrengung ins Theater geholt, den flachen Abglanz einer Frauen-WG, wo, wann immer es der Rhythmus gebietet, das Telefon läutet oder jemand zur Tür hereinkommt. Auch sahen die ungefähr gleichaltrigen Damen für mich so ähnlich aus - ja, ich bin ein arger Schwuler, mea culpa!

Bestellte Theaterstücke ersetzen keinen Wurf - und auf eine "Phase“ wie Thomas Bernhard müssen wir warten wie auf einen Johannes XXIV. Wer soll das alles durchleben? Doch halt: Die Größe der Idee ist sicher die, dass allein lesbische Frauen ins Zentrum gerückt wurden, und ihnen wollte ich meine schwule Solidarität erweisen. Wir sind Hölle und Himmel, sonst nix = Kurzkritik zu "Du bleibst bei mir“. Leider hat das noch nie wer zu mir gesagt!

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