Tiere

Nicht gähnügend

Falters Zoo | aus FALTER 40/11 vom 05.10.2011

Die IG-Nobels, die Spaß-Nobelpreise, wurden vergeben, und Österreich war mit dabei! Ludwig Huber von der Veterinärmedizinischen Universität wurde für die Studie "Kein Nachweis von ansteckendem Gähnen bei der Köhlerschildkröte Geochelone carbonaria“ ausgezeichnet - wenn man das so nennen kann. Ursprünglich zerrte man mit dem "Award“ jene Wissenschaftler vor den Vorhang, deren Studien man nicht verstehen konnte oder wollte. Da die weltweite Wahrnehmung dieses Preises groß und der Aufwand der dafür notwendigen Forschungsarbeit klein war, begannen bald Wissenschaftler absichtlich solche Nonsensstudien zu erstellen und mit Augenzwinkern einzureichen.

So eben auch Ludwig Huber, ein sonst renommierter Wiener Kognitionsbiologe, der sehr wohl die wissenschaftlich interessanten Aspekte des Gähnens kennt. Denn so belanglos dieses Verhalten auch wirken mag, der biologische Zeck dahinter ist ungeklärt. Weder erhöht das Gähnen den Sauerstoffgehalt des Bluts, noch ist es ausschließlich ein Zeichen von Müdigkeit. Die Wissenschaft vom Gähnen heißt Chasmologie und hat nicht nur den Menschen im Fokus. Die meisten Säugetiere gähnen, und sogar für Ameisen wurde ein Verhalten beschrieben, bei dem sie nach dem Aufwachen erst ihren Kopf, danach ihre sechs Beine strecken und dann ihre Mundwerkzeuge auf eine Art und Weise aufsperren, die an Gähnen erinnert.

Bei Menschen, Hunden und Affen ist empathisches, also sozial ansteckendes Gähnen bekannt. Auch hier liegen die Gründe im Dunkeln und reichen von "synchronisierender Gruppen-Aktivität“, um in einer Gruppe den Schlaf-Wach-Rhythmus aufeinander abzustimmen bis zu "Gehirnkühlung“ einer Urmenschenhorde, die beim gemeinsamen Gähnen in einen erhöhten Aufmerksamkeitsstatus kommt und damit Gefahren besser erkennt. Bei Ratten wiederum verursachen die gleichen chemischen Substanzen im Gehirn, die Gähnen und Strecken hervorrufen, auch eine Erektion. Aber nix Genaues weiß man nicht.

Huber, der mit seinem "Clever Dog Lab“ bestens geeignete Versuchstiere zur Verfügung gehabt hätte, hat aber ganz absichtlich Reptilien ohne Mimik und soziale Interaktion für seine "Studie“ ausgesucht, um zu zeigen, wie das Forschungsprinzip der Falsifikation ad absurdum geführt werden kann. Die Frage ist nur, ob diese subtile Wissenschaftskritik irgendjemand außerhalb der Mad Scientists Community versteht. Oder dies eher zum Gähnen findet.

"Tränen, sehnen, gähnen

Träume, Bäume, Warten

auf das große Glück“

Joachim Witt

zeichnung: püribauer.com


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