Die traurige Sinnlichkeit der Kugelrunden

Lexikon | Nicole Scheyerer | aus FALTER 40/11 vom 05.10.2011

Das Kunstforum zeigt Botero als politischen Künstler

Solche Bildmotive hätte wohl kaum jemand von Botero erwartet: Der kolumbianische Künstler, der für seine grotesken Dicken weltberühmt geworden ist, reagierte 2005 auf den Skandal der Folterungen im US-Gefängnis Abu Ghraib. Anhand von Fotos und Aussagen hielt der 1932 geborene Künstler in mehr als 80 Gemälden grausam geschundene und gedemütigte Gefangene fest, blieb jedoch seiner aufgeblähten Formensprache treu. Die Bilder erinnern an kunsthistorische Ecce-Homo-Darstellungen, sie wurden aber auch mit Francisco de Goyas Grafikzyklus "Schrecken des Krieges“ verglichen.

Ein Teil dieser Gemälde wird ab dieser Woche in der großen Überblicksschau im Bank Austria Kunstforum gezeigt. Der Einfluss der klassischen Malerei ist kein Zufall: Als junger Mann bereiste der aus einem Andendorf stammende Künstler Italien und war von der Kunst der Frührenaissance tief beeindruckt. Die plastischen Volumen und der feine Farbauftrag von Malern wie Piero della Francesca oder Giotto prägten Boteros späteres Schaffen. Im Jahr 1957 stellte er die ersten der für ihn typisch massigen Figuren aus. Botero streicht immer wieder die Sinnlichkeit hervor, die durch die Verformung zum Ausdruck kommen soll. Die archaische Schönheit der Fülle sieht er auch als Prägung seiner südamerikanischen Herkunft, in deren Kirchen üppiges Hochbarock dominiert. Während manche Kritiker die "Unschuld“ der spielzeughaften Gestalten berührt, wittern andere eine tiefe Melancholie.

Auf alle Fälle gehörte im New York der 60er-Jahre viel Mut zu diesem Stil, herrschte damals doch der abstrakte Expressionismus vor. Auch vernichtende Kritiken seiner als "Folklore“ verunglimpften Bilder hielten Botero nicht ab. Mit der Courage des US-Kunstbetriebs scheint es heute nicht weit her zu sein: Eine große Ausstellungstournee wurde abgesagt, als Botero seine Abu-Ghraib-Serie intergrieren wollte.

Bank Austria Kunstforum, 12.10. bis 15.1.


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