Film Retrospektive

Filmemacherin unserer Zeit: Chantal Akerman

Lexikon | aus FALTER 40/11 vom 05.10.2011

Sie macht Kino unserer Zeit. Ist eine Filmemacherin unserer Zeit. Unserer verlorenen Zeit. In der Tiefe ihres Herzens wäre sie wohl lieber Komödiantin, aber die 1950 in Brüssel geborene Chantal Akerman gilt seit Beginn ihrer Karriere als kompromisslose, feministische, kurz gesagt: schwierige Filmemacherin. In ihren überragenden Arbeiten, etwa dem dreistündigen Hausfrauenreport "Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles“ mit Delphine Seyrig (1975) oder dem selbstreflexiven Vexierspiel "Les rendez-vous d’Anna“ mit Aurore Clément (1978), gelingt es ihr auf brillante Art und Weise, so Filmkritiker Gary Indiana, die "Zuschauer für Dinge zu interessieren, die normalerweise im Kino nicht zu sehen sind“.

Dazu gehört, neben von Feminismus und Filmtheorie informierten Spielfilmen, auch ein umfangreiches essayistisches Werk, das von "News from Home“ (1977) bis "Là-bas“ (2006) reicht und in dem Akerman sehr persönliche Erfahrungen des Fremdseins in New York respektive Israel verarbeitet.

Dennoch ist dieses weitläufige Œuvre von größter Kohärenz. "Um Filme zu machen, muss man aufstehen“, sagt die Filmemacherin in einer ihrer ersten Arbeiten müde und krabbelt aus dem Bett: "Gut, ich stehe auf.“ Ein halbes Menschenleben später entsteht im Dschungel von Kambodscha die Joseph-Conrad-Adaption "La folie Almayer“. So frei, erzählt Chantal Akerman über die Dreharbeiten zu ihrem jüngsten Film, hätte sie sich noch nie gefühlt. Am Set trug sie immer nur Pyjamas.

Bei der gemeinsamen Retrospektive von Österreichischem Filmmuseum und Viennale stehen 27 Filme von Chantal Akerman auf dem Programm, plus eine schöne Reihe von der Filmemacherin ausgewählter Werke von Michael Snow bis Jacques Demy.

Mo

Bis 3.11. im Österreichischen Filmmuseum


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