Meinesgleichen

Abschied vom guten Dagegendenker

Falter & Meinung | aus FALTER 41/11 vom 12.10.2011

Otto Tausig war ein Guter. Bei der Präsentation der Autobiografie von Leon Zelman (die ich zu schreiben die Ehre hatte), dem Leiter des Jewish Welcome Service und Gründer des Jüdischen Echo, las er aus dem Buch. Mit einer Intensität, die mir bei weitem zu intensiv schien. Otto Tausig durfte das, er war nicht nur als Emigrant durch seine Biografie beglaubigt, sondern als Theatermann durch eine etwas andere Karriere. Nach 1945 nach Wien zurückgekehrt, ging er ans kommunistische Scala-Theater, als Schauspieler, Dramaturg und Regisseur. Später arbeitete er in der DDR mit Brecht zusammen, was ihm in Wien anschließend größte Schwierigkeiten eintrug. Hier wachten Hans Weigel und Friedrich Torberg über ihrem Brecht-Boykott.

Tausig kam als Nestroyschauspieler trotzdem ans Burgtheater, später ans Volkstheater. 1999 trat er von der Bühne ab, sein Engagement für entwicklungspolitische Projekte in Indien und ein Flüchtlingsheim in Hirtenberg gab er nicht auf. Wer wäre ihm nicht begegnet, dem lustigen alten Schauspieler, der nach einer Gala oder einer Premiere mit dem Spendenhut winkte oder - bei der Verleihung des Nestroy-Preises - den Spendenkorb herumgehen ließ. Alle Einnahmen aus Auftritten und Gagen aus Filmen gingen nach Indien; seine "anständige“ Pension genügte ihm, sagte er. "Ich hab früh das Dagegendenken geübt“, teilte er Willi Winkler von der Süddeutschen mit. Dabei ist er geblieben. Vergangenen Montag ist Otto Tausig 89-jährig in Wien gestorben.

Quelle:

Willi Winkler: Der Dagegen-Denker. Süddeutsche Zeitung, 9.4.2009


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