Selbstversuch

Ich bin mit meinen Kindern sehr konsequent

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 41/11 vom 12.10.2011

Endlich Herbst. Endlich Wochenenden, an denen man guten Gewissens die frische Luft verweigern kann, weil sie kalt und nass und grau und vermutlich gesundheitsschädlich ist. Das heißt, man fläzt mit Kindern und Büchern im Bett umatum und hört mit Interesse alle Gründe der Kinder ab, wieso es unumgänglich ist, jetzt den Fernseher einzuschalten.

Man sei zu erschöpft zum Spielen.

Man müsse chillen.

Auch ein Kind habe ein Recht zu chillen.

Man habe eine urherausfordernde Woche hinter sich und etwas Entspannung verdient.

Man wolle sich die Art der Entspannung, wenn’s geht, selber aussuchen.

Wir sähen auch immer fern.

Ein bisschen Verblödung sei zumutbar.

Man habe den ganzen Sommer nicht fernsehen dürfen.

Man werde durch derlei Verbote dem Medium völlig entfremdet, das sei auch nicht gut für die Entwicklung eines Kindes.

Alle anderen dürfen auch fernsehen.

Ich halte mich da allerdings strikt an die Erziehungstipps meines Lebensberaters Dr. A, der unlängst auf meinem Sofa saß und sagte: "Ich bin mit meinen Kindern sehr konsequent. Manchmal bis zu zehn Minuten lang.“ Dann installierte er den quengelnden Kindern auf dem neuen Fernseher die Wii.

Während ich erst einmal kochen ging. Ich habe jetzt endlich auch "Tiere essen“ fertiggelesen, das macht den Langen nicht froh. Er fürchtet um seine Ernährungsroutine, der das sommerliche Landleben, das ihm täglich Fleischstücke auf den Rost zauberte, extrem entgegenkommt. Aber jetzt koche ich auch wieder, weil Herbst ist, und im Herbst lese ich Kochbücher und rühre in den Töpfen. Heuer Schwerpunkt Curry, wobei ich augenblicklich jene Schärfe anpeile, bei der der Lange nicht mehr merkt, ob er Schwein oder Kürbis isst. Noch bin ich dort nicht angekommen, aber ich arbeite daran.

Der Lange weiß allerdings auch, dass Hoffnung besteht, weil mein Gehirn zuverlässig auch den Inhalt von Jonathan Safran Foers Buch, wie den jedes anderen Buches, in zwei bis sechs Wochen gelöscht haben wird, und zwar vollständig. Ich kann mich daran erinnern, was ich bei der schriftlichen Matura anhatte, ich kann mich erinnern, dass die Doors liefen, als ich zum ersten Mal knutschte, und weiß noch, wie ich meine Haare hatte, als ich den Langen zum ersten Mal sah, und was ich zu ihm sagte, und was er zu mir sagte. (Das ist leicht: gar nichts.) Aber ich habe den Inhalt jedes Buches vergessen, das ich in meinem Leben gelesen habe. Das ist nicht gut, weil man mit dem Satz: "Ich hab es gelesen, weiß aber nicht mehr, worum es geht“ in Konversationen häufig Misstrauen weckt.

Auf dieses vollumfängliche Vergessen hofft der Lange nun. Bis dahin macht er seit neuestem wieder täglich Mittagspause, lass mich raten, wo.


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