Kommentar Zeitgeschichte

Jugendheim Wilhelminenberg: Sucht die Opfer von morgen!

Falter & Meinung | Barbara Tóth | aus FALTER 42/11 vom 19.10.2011

Wien hat seinen ersten großen Herbstskandal: die mutmaßlichen systematischen Massenvergewaltigungen im einstigen Jugendheim Schloss Wilhelminenberg, dem "W-Heim“, wie Erzieherinnen und Insassen die 1977 geschlossene sonderpädagogische Anstalt kurz nannten. Stimmen die Vorwürfe jener beiden Schwestern, die als Sechs- und Achtjährige dort leben mussten, tatsächlich, dann muss das Ideal vom "roten Wien“, der bestens verwalteten und sozialpolitisch vorbildlichen Stadt, zumindest retrospektiv korrigiert werden.

Dennoch ist Vorsicht geboten. Historikern sind die Zustände in Jugendheimen - nicht nur jenen der Bundeshauptstadt - vor den reformpädagogischen Schüben in den 1970er-Jahren seit langem bekannt. Es herrschte militärischer Drill und oftmals perverser Sadismus, der an den Nationalsozialismus erinnert. Mehr als 300 Missbrauchsopfer aus städtischen Heimen haben sich bisher bei der Stadt Wien gemeldet, 173 bekamen Entschädigungen ausbezahlt. Darunter sind auch jene beiden Schwestern, die, vertreten von einem mediengewandten Anwalt, nun im ORF und im Kurier jene schweren Beschuldigungen erhoben haben.

Finanzielle Entschädigungen für Opfer sind in Missbrauchsfällen wie jenen im "W-Heim“ eine unabdingbare Geste, mindestens genauso wichtig sind aber historische Aufarbeitung und öffentliche Diskussion. Denn sie ermöglichen es den Betroffenen erst, ohne Schuldgefühle über das, was ihnen angetan wurde, zu reden. Das hat Wien bis jetzt verabsäumt.

Am allerwichtigsten ist aber das genaue Hinschauen auf jene Institutionen, in denen potenzielle Opfer von übermorgen leiden.


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