Ohren auf Sammelkritik: Ausgewählte Indiepop-Neuerscheinungen

Zwischen Angriffslust und Melodieseligkeit

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 42/11 vom 19.10.2011

Nachdem Mick Jagger, Dave Stewart, Damian Marley und Joss Stone dem Popmainstream kürzlich die Allstarband Super Heavy bescherten, hat jetzt auch die US-Indieszene eine neue Supergroup: Wild Flag. Bei Jagger & Co bleiben "super“ und "heavy“ eher leere Versprechen, Wild Flag führen das Wilde dagegen ganz zu Recht im Bandnamen, wie ihr Debüt "Wild Flag“ (Merge/Wichita) beweist.

Carrie Brownstein und Janet Weiss von der 2006 aufgelösten feministischen Rockband Sleater-Kinney treffen hier auf Mary Timony, die ehemalige Frontfrau der Noisepopband Helium; Rebecca Cole von den Minders komplettiert das Quartett an der Orgel. "Hey, hey, can you feel it?“, lauten die ersten Worte des Albums, und wer wollte da widersprechen? Brownstein und Timony teilen sich Songwriting und Gesang, Brownsteins Lieder sind schmissig, druckvoll und melodisch, während Timony nichts davon hält, den kürzestmöglichen Weg von A nach B zu wählen, sich bei aller Lust an der Abschweifung aber doch nie verirrt.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist "Only in Dreams“ (Sub Pop) ausgefallen, das zweite Album der Dum Dum Girls. Ihr Debüt hatte durch seine unwiderstehliche Mischung aus Punkrock, Stylebewusstsein und Sixties-Girlgroup-Pop begeistert, das neue Material klingt dagegen vergleichsweise nachdenklich. Die Songs kommen nicht mehr mit Karacho daher, sondern verbleiben gerne einmal im mittleren Tempobereich, sogar zwei Beinahe-Balladen sind mit dabei. Keine Partyplatte also, der Charme des konsequent durchgezogenen Minimalismus entfaltet aber auch unter veränderten Vorzeichen seine Wirkung.

36 Minuten brauchen die Dum Dum Girls für zehn Songs, ihre Londoner Labelkollegen Male Bonding bringen auf "Endless Now“ in derselben Zeit elf Stücke unter. In Triobesetzung spielen sie angriffslustigen, forschen und doch stets infektiös melodischen Noisepop, der durch extrasanften, bisweilen richtiggehend verträumten und stets behutsam in Watte gepackten Gesang geschickt konterkariert wird.


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