Doris Knecht Selbstversuch

Nur manchmal ist es ein bisschen dicht

Kolumnen | aus FALTER 42/11 vom 19.10.2011

Der Kopfhörer ist jetzt rot. Riesig und fett und feuerwehrrot, weil der riesige schwarze, der bislang eine arbeitende, schreibende, nicht gestört werden dürfende Mutter markierte, offenbar leicht zu übersehen war. Ich sitze mit meinem großen roten Kopfhörer voller Ryan Adams am Tisch und schreibe, während die Kinder sich hinter mir ("Was steht da? Ü-ber-do-sis, aha“) Geschichten aus Bravo vorlesen und der Lange neben mir endlich wieder einmal Rehragout schmort. Eh total schön! Trotzdem gehe ich, wenn ich eingeladen werde, durch anderer Leute Wohnungen, und der Neid rinnt mir gelb und stinkend aus den Ohren: Du hast ein Arbeitszimmer!!! Nur für dich?!?

Wenn das in einer Woche wie der letzten geschieht, wo ein Kind wegen grad ein bisschen Fieber vier von fünf Tagen nicht in die Schule gehen kann, kommt es vor, dass ich während der Arbeitszimmerbesichtigung in Tränen ausbreche, oh mein schluchz Gott ist das schluchz ein Schloss, kannst du es schnief wirklich von innen absperren? Buhuhu. Die Menschen fürchten einen Nervenzusammenbruch meinerseits, und mit was, mit Recht. Ich hätte auch so gern ein Arbeitszimmer; mit einem Schlüssel innen und einem komplizierten Schalldämmungssystem, das Klagen wie "Meine Lieblingsjeans ist immer noch nicht geflickt!!!“ automatisch wegfiltert und nur Sätze wie "Essen ist fertig!“ und "Schatz, da ist ein großes Paket von einem Schuhversand für dich gekommen“ durchlässt.

Aber ja. Schon gut. Ich jammere wie immer auf allerhöchstem Niveau und gegen meine eigenen Grundsätze. Wir wollten alles, jetzt haben wir alles. Ist super, ja! Es ist wirklich prima! Nur manchmal ein bisschen dicht.

Aber: Es könnte schlimmer sein. Wir könnten zum Beispiel Läuse haben, und das hatten wir seit Wochen nicht. Oder Ryan Adams könnte kein neues Album ("Ashes & Fire“) gemacht haben. Hat er aber, und es ist fantastisch und überspringt sozusagen alles, was er seit "Cold Roses“ gemacht hat, was, behaupte ich jetzt einmal mit Nachdruck, sein bestes Album ever ist und vermutlich noch lange bleiben wird, weil es vielleicht überhaupt eines der besten Alben der Welt ist. Ich habe es jetzt jedenfalls drei Monate ohne Unterlass gehört, und hätte Adams kein neues gemacht, würde ich es immer noch hören. Liegt an meinem Wiederholungszwang, den ich momentan mit Adams "Rocks“ füttere, seit drei Tagen schon, im roten Kopfhörer, während ich schreibe: Geigen, Tränen, Vogelsang, wunderschön.

Wir haben das Haus aber auch verlassen und waren mit den Mimis bei der Kunst, schnell noch in der fabelhaften Gelatin-Ausstellung in Krems, in der ich viel über Möbeldesign lernte. Die Kinder lernten viel über Geschlechtsmerkmale und fanden das so weit lustig. Nur angesichts eines Exponats hörten wir den Satz: "Ich weiß schon, Erwachsenen gefällt so etwas, aber Kinder finden das ekelhaft.“ Ja, okay: Schau, da drüben, ein Plüschpferd.


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