Fragen Sie Frau Andrea

Haschtrafikanten und Gummistiefler

Kolumnen | aus FALTER 42/11 vom 19.10.2011

Liebe Frau Andrea,

auch witterungsbedingt beschäftigt mich seit geraumer Zeit die Frage nach der Herkunft des Begriffs "Gummistiefler“. Ich habe das Gefühl, dass nicht modebewusste Damen damit gemeint sind, sondern jemand anderes. Täusche ich mich, wenn ich meine, dass der Ausdruck eher despektierlich ist? Bitte um Aufklärung und danke sehr!

Ergebenst Ludmilla Waldstein,

Wien-Simmering, per Schmelzglas

Liebe Ludmilla,

Sie täuschen sich nicht. Die österreichischen Bundesregierungen Schüssel I und Schüssel II, zwischen 2000 und 2007 von gelernten und ungelernten Fachkräften aus ÖVP und FPÖ (später BZÖ) gebildet, sind in der Bevölkerung, je nach politischer Grundeinstellung, als "Zeit der Reformen“ (Eigeneinschätzung) beziehungsweise als "Schwarz-Blau“ und "Schüsselzeit“ in Erinnerung geblieben. Der Protest gegen Schwarz-Blau fand nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Onlineforen der Tageszeitungen und hier bevorzugt auf derstandard.at statt. Poster gaben im Schutze anonymisierter Pseudonyme ihrem Mut und Unmut fast unzensierten Lauf. Galten Regierungsgegner als "Nestbeschmutzer“, "linkslinke Chaoten“, "Haschtrafikanten“, "grünrosa Träumer“, "Donnerstagsmarschierer“, "Lichterlanzünder“ und generell als "Gutmenschengesindel“ und "rote Gfrieser“, so differenzierte das oppositionelle Lager. Die Blauen um Jörg Haider wurden in Postings als "Buberlpartie“, "Blaumiesen“, "Blaune“ und nach der Umfärbung ins BZÖ als "Bienenzüchter Österreichs“ bezeichnet.

Für die Klientel der ÖVP zirkulierten Bezeichnungen, die weniger urbane denn rurale Assoziationen wachriefen. ÖVP-Politiker und ihre Hintermänner galten, in Anspielung auf das Raiffeisen-Logo, als "Giebelkreuzler“, als "Lagerhäusler“ und wegen ihres als "Schweiger“ bezeichneten Masterminds als "Schüsselbande“. Meinte die Bezeichnung "Furchengänger“ noch eindeutig die schwarzwählenden Bauern, war der von Ihnen erfragte Ausdruck wesentlich diffuser, in seiner ballistischen Komponente aber durchaus zielgenau. "Gummistiefler“ bezeichnet alles vom misthaufenkletternden Kleinbauern bis zum weihrauchtrunkenen Forstgrafen, von der konservativen Döblinger Heurigentante bis zur nachtaktiven Veldener Schickimickitussi.


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