Meinesgleichen

Falter & Meinung | aus FALTER 43/11 vom 27.10.2011

Wieder einmal: Lob des Greisenalters

Mehr als einmal habe ich hier das Lob des Greisenalters gesungen. Heute muss ich wieder einmal singen. Angesichts der eher kläglichen Rolle unseres europäischen Führungspersonals "in den besten Jahren“ (und abgesehen von der Existenz jenes unwürdigen Lustgreises, der an Italien klebt wie das Pech), sind mir in den letzten Wochen einige alte Herren und Damen wie Kontrastfiguren entgegengekommen. Es fing mit dem beinahe 100-jährigen Maler Arnulf Neuwirth an, der noch jeden Tag seine Collagen macht. Dann kam Stéphane Hessel, erst 94, aber beeindruckend in seiner politischen Festigkeit. Das Gleiche kann man von Friedrich Cerha sagen, dem bedeutenden Komponisten (85), dem Wien Modern einen Schwerpunkt widmet. Beider Frauen, Helena Neuwirth und Gertraud Cerha, sind mit ihrer Präsenz und Schärfe von Intelligenz und Gedächtnis weit mehr als bloße Chronistinnen ihrer Männer.

Harry Belafonte (84) setzt seinen politischen Kampf für schwarze Jugendliche in Amerikas Gefängnissen weiter fort und erhielt Standing Ovations vom Viennale-Publikum. Hugo Portisch (84) und Paul Lendvai (82) schreiben Bücher, wie sie Jüngere gerne schreiben würden. Nikolaus Harnoncourt (82) dirigierte vergangenen Sonntag vier Haydn-Sinfonien, darunter die "Militärsinfonie“, die Harnoncourt unter dem Jubel des Publikums zur "Anti-Militär-Sinfonie“ erklärte und so aufführte, dass man das auch hörte. Fazit: Rauf mit dem Pensionseintrittsalter!


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