Selbstversuch

Weißt eh, es ist wegen der Kinder

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 43/11 vom 27.10.2011

Die Sache mit dem Arbeitszimmer verfolgt mich. Danke für das Mitgefühl, das mich vergangenen Freitag während einer Lesung, also des anschließenden Gesprächs mit dem ausgezeichnet vorbereiteten Gastgeber überwogte: Das war aber eh erfunden, was Sie da letztes Mal geschrieben haben, das mit dem roten Kopfhörer? Nein, leider, war es nicht. Dank auch an den freundlichen Manuel R. und seine ebensolche Gattin, die mich einluden, wann immer es erforderlich sei, doch gerne ihr Arbeitszimmer zu benützen, nein, R. sagte: eines unserer beiden Arbeitszimmer.

Das ist reizend und unglaublich großzügig und selbstverständlich vollkommen unmöglich. Im Endeffekt werde ich nämlich unter einem roten Kopfhörer, umgeben von kochenden, spielenden, raufenden, youtubeschauenden und karateübenden Verwandten immer noch produktiver sein als in einem fremden Arbeitszimmer, in dem ich ohne Unterlass daran erinnert werde, dass ich nicht nur nicht über zwei, sondern über gar kein eigenes Arbeitszimmer verfüge, über keine Tür, um sie für Stunden hinter mir zuschließen zu können, über keine eigenen vier Wände, die mich mit Ruhe umschlössen und die ich schmücken dürfte, wie immer ich wollerte.

Was es mir z.B. erlaubte, auch einmal ein kinderunkompatibles Kunstwerk zu erwerben und aufzuhängen, was derzeit naturgemäß unmöglich ist, es sei denn, man legt sich gern mit dem Jugendschutz an. Alles, was ich von befreundeten Künstlern kaufe, muss deshalb immer möglichst harmlos und erbaulich sein, was nicht optimal ist, wenn man von Kunstschaffenden umgeben ist, die gerade der Unharmlosigkeit überaus viel Spannendes abgewinnen können. Aber nie kann ich die wirklich aufregenden Sachen aussuchen, brennende Hendln, geile Madonnen, vögelnde Götter, kiffende Jesusse, masturbierende Amazonen, Fotos penibel nachgestellter Terroranschläge. Weißt eh, wegen der Kinder, hast du auch was, auf dem nicht arschgefickt, gewichst oder gestorben wird? Hätte ich ein Arbeitszimmer, wäre das alles kein Problem.

Hätte ich ein Arbeitszimmer, hätte ich auch einen Diwan. Mit einem eigenen Fernseher davor. Ich könnte dann viel öfter und vor allem zu allen mir genehmen Tageszeiten zum Langen sagen: Weißt was, schleack mr am Tschööple, ich schlafe heute auswärts. Allerdings streitet man natürlich unversöhnlicher, wenn man ein kuscheliges, inhäusiges Schlafasyl zur Verfügung hat, in dem man sein beleidigtes Ich in Ruhe zur Ruhe betten kann. Weil man unmittelbar neben einem, mit dem man gerade einen kleinkriegsförmigen Konflikt durchexerziert, nicht gern und folglich nicht gut schläft, auch nicht mit einem Kopfhörer auf den Ohren, weshalb es jeweils angezeigt ist, sich vor dem Zapfenstreich wieder zu versöhnen. Was tage-, wochen-, ja: jahrelang unnötig wäre, hätte man ein eigenes Arbeitszimmer aka Arbeitsschlafgemach ... Ich weiß jetzt auch nicht.


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