Kritik

Die obszönen Seiten des Familienalbums

Lexikon | aus FALTER 44/11 vom 02.11.2011

Es ist schon länger her, da fischte die Künstlerin Tatiana Lecomte ein privates Fotoarchiv aus dem Altpapiercontainer. Die mit "Thilde“ betitelte Sammlung umfasst Nacktfotos, die ein Mann über einen Zeitraum von 50 Jahren von seiner Frau geschossen hat, sowie abfotografierte Bilder aus Zeitschriften. Lecomte, die auch schon in der Vergangenheit viel mit Found Footage gearbeitet hat, arrangierte diese Privatpornografie für ihre aktuelle Schau "Wien 5. (Arbeitstitel)“ im Kunstraum das weisse haus neu. Ihre in mehreren Räumen gezeigte Selektion geht nach dem Prinzip der Ähnlichkeit vor, also alle Nacktfotos im Wald an einer Wand, alle Geil-im-Auto-Posen oder Blowjobs in anderen Gruppierungen.

Es ist eine absurd anmutende Bildbiografie: Anstatt Mutti wie normalerweise im Familienalbum altern zu sehen, tritt sie hier in unterschiedlichem Alter obszön posierend auf. Wenn die Fotosammlung auch zärtliche Bilder enthalten sollte, so sind sie in Lecomtes Zusammenstellung nicht zu finden.


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