Meinesgleichen

Falter & Meinung | aus FALTER 44/11 vom 02.11.2011

Einer gegen die Idioten der Identität: Jirˇí Gruša

Mit ihm auf einem Podium zu sitzen war nicht leicht. Er hatte stets die Lacher auf seiner Seite, sein Witz war unberechenbar - das Beste, was man über Witz sagen kann. Diplomat zwar, verleugnete er den Schriftsteller doch keine Sekunde. Jirˇí Gruša war klein von körperlicher Statur, aber umso beeindruckender als intellektuelle Erscheinung. Als wichtige Figur der samtenen tschechischen Revolution saß er seiner im Samisdat veröffentlichten Literatur wegen im Gefängnis. Die tschechische Republik machte ihn später zum Botschafter in Österreich und in Deutschland. In Wien leitete er als erster Nichtösterreicher ein paar Jahre lang die Diplomatische Akademie.

Dass man ihn in Wien intensiv gelesen hätte, wäre zu viel gesagt. Man nahm Biografie und Mann fürs Werk. Immerhin war er Präsident des internationalen Pen-Clubs. Immerhin bürgerte ihn das tschechische Regime aus, als er auf Reisen in den USA war (Ausbürgerung, Adelstitel dissidenter Literaten, von Brodsky bis Biermann). Sein Dilemma schildert Gruša in einem im Wieser-Verlag erschienenen Sammelband: "Um das Schreiben zu retten, polemisierten wir mit unseren totalitären Trotteln, die uns vorschreiben wollten, was Realität zu sein hat, bis wir selbst zum Politikum, ja Politiker geworden sind“. Und: "Das Wort Identität hat wieder seine Idioten bekommen. Es wird langsam zu einer Schmeichelparole der postnationalen Nationalisten.“ Vergangene Woche starb Jirˇí Gruša im Alter von 72 Jahren in Deutschland.


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